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Mittwoch, 23. Januar 2013

Chinesen verhaften weitere 15 Tibeter

Chinesische Behörden nehmen 15 Tibeter wegen Weitergabe von Informationen über Feuerproteste fest

Bei ihrem harten Vorgehen als Reaktion auf die Welle der Selbstverbrennungsproteste haben die chinesischen Behörden nun in der Region Luchu der Präfektur Kanlho, Provinz Gansu, acht weitere Tibeter festgenommen, darunter auch jemanden aus der Familie eines Feueropfers, weil sie angeblich Außenstehende mit Informationen über die Feuerproteste versorgt haben.

Am 20. Dezember 2012 stellten die Behörden Kalsang Samdrub, einen 44jährigen Mönch des Klosters Sherab Phuntsok Rabgayling, in seiner Unterkunft im Kloster zur Rede. Am folgenden Tag nahmen sie ihn fest, weil er angeblich mit den „spalterischen“ Kräften im Ausland in Verbindung stehe.

Die anderen sieben, Nyima, Lhamo Dorje, Dorjee Dhondrub, Kalsang Kyab, Kalsang Sonam, Kalsang Namdren und Sonam Kyi, die alle Laien sind, wurden drei Tage später festgenommen. Die Behörden warfen ihnen vor, Leute von außerhalb kontaktiert und ihnen Informationen über den Selbstverbrennungsprotest von Tsering Namgyal, der sich 29. November 2012 in der Nähe eines Regierungsgebäudes in Luchu in Brand gesetzt hatte, geliefert zu haben.

Einer der Festgenommenen, Kalsang Namdren, ist ein Schwager von Tsering Namgyal. Die einzige Frau aus der Gruppe, Sonam Kyi, war bereits früher einmal inhaftiert, weil sie angeblich Informationen über die Massenerhebung 2008 in Lhasa an Außenstehende gesandt habe. Seit dieser Zeit ist es ihr verboten nach Lhasa zu reisen.

Statt auf die Beschwerden der Protestierenden einzugehen, haben die Behörden auf die Vielzahl der Selbstverbrennungen hin eine Reihe von strengen Gegenmaßnahmen ergriffen; so soll nun jeder, bei dem Begünstigung oder Anstiftung zur Selbstverbrennung festgestellt wird, des Mordes angeklagt werden, während Leute, die für die Feueropfer beten oder den Angehörigen ihr Beileid ausdrücken, anderweitig bestraft werden.

Schon mehrere Tibeter wurden unter der Anklage, andere mit Informationen über die Selbstverbrennungsproteste versorgt zu haben, festgenommen und zu langen Gefängnisstrafen verurteilt.

Seit 2009 gab es 96 (98) bekannt gewordene Fälle von Tibetern, die sich aus Protest gegen Chinas Herrschaft anzündeten. Auch im neuen Jahr gab es bereits eine Selbstverbrennung. Tsering Tashi, 22, erlag am 12. Januar 2013 in der Gegend Amchok von Sangchu seinen Verbrennungen.

Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete, dass die chinesische Polizei in Gansu sieben Tibeter in Gewahrsam genommen habe, denen sie vorwirft, Sangye Gyatso zu seiner Tat im Oktober aufgehetzt zu haben. Hinter der Selbstverbrennung steckten laut Xinhua „führende Mitglieder des zur Dalai Clique im Ausland gehörenden Tibetischen Jugendkongresses“.

Der Dalai Lama wies in einer Erklärung die Anschuldigungen zurück, er trage mit Schuld an diesem Geschehen. Behauptungen, er habe diese Feuerproteste aus der Ferne angeregt, seien ein „Zeichen von Verzweiflung“ bei der chinesischen Führung.

Quelle Radio Free Asia u.a.

Übersetzung: Adelheid Dönges, Revision: Angelika Oppenheimer

Mittwoch, 9. Januar 2013

Aufkleber Freiheit für Tibet

Aufkleber "Freiheit für Tibet" ist in Vorbereitung.

Der vierfarbige Aufkleber wird von einem Grafiker gestaltet, in vier Sprachen (Chinesisch, Tibetisch, Deutsch und Englisch) und in hoher Auflage gedruckt werden. Sobald der Grafiker mit der Gestaltung fertig ist, wird der Entwurf zum freien Download auch hier im Blog veröffentlicht.

Er wird kostenlos, bzw. gegen freiwillige Spende abgegeben und soll möglichst überall legal geklebt werden, wo ihn Chinesen und andere Interessierte sehen können.

Buddha Dharma Mandala ist Herausgeber und sammelt Spenden für die Erstauflage.

Spenden, auch kleine Spenden sind willkommen, bitte an:

Buddha Dharma Mandala e.v.
GLS-Gemeinschaftsbank
Konto 600 9031 900
BLZ 430 609 67

Kennwort "Aufkleber Tibet"

Vorbestellungen sind möglich.



Freitag, 16. April 2010

Erdbeben in Tibet oder in China?

Große Verwunderung bei interessierten Zuschauern über Nachrichten aus dem Erdbebengebiet. Alle Kanäle berichten von einem Erdbeben im "Westen Chinas" und zwar in der Provinz Qinghai, was ja auch sehr chinesisch klingt. Auf den Bildern der Berichterstatter sieht man aber immer wieder sehr viele Tibeter und tibetische Mönche, die wir unerfahrenen Westler in Tibet aber nicht in China in solcher Anzahl vermuten.

Mir war gleich klar, dass das, was wir hier zu hören und zu sehen bekamen, das Ergebnis chinesischer Politik war um Tibet als große und autonome Einheit endgültig zu zerstören.



Die Bevölkerung von Qinghai teilt sich wie folgt auf:

Chinesen 55%,
Tibeter 21%
Hui 16%

Diese Zahlen beziehen sich auf die heutige Realität. Tibeter und Tibet-Freunde müssen sich dieser Realität stellen. Mit dem andauernden Zustrom von Chinesen nimmt der Anteil der Tibeter immer noch weiter ab.

Tibet-Kenner wissen, dass das historische Tibet aus 3 Cholkhas bestand: Ü-Tsang (zentrales Tibet), Dotoe (Kham) und Kuppel (Amdo).
Kyegudo (Yushu), welches nun vom Erdbeben betroffen ist, liegt in Kham. Nach der Einteilung der chinesischen Machthaber ist es heute ein Teil der Qinghai-Provinz (Tso-ngön oder blaues Meer= Kokonor). Sowohl die tibetische Provinz Kham als auch Amdo sind in mehrere neue Regionen eingeteilt worden. Aus diesem Grund sind zum Teil sogar Tibet-Kenner verwirrt.

Wenn die chinesischen historischen Behauptungen der Wahrheit über Tibet entsprechen sollen, dann können diese nur aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen. Zwischen 1720 und 1911 geriet Tibet gelegentlich in eine unterschiedlich starke Abhängigkeiten der chinesischen Manchu-Qing Dynastie. Für einen kurzen Zeitraum übte die Manchus sogar starken Einfluss auf die Regierungsangelegenheiten Tibets aus, speziell sofort nach der Besetzung im Jahre 1720, nach dem tibetischen Bürgerkrieg von 1727-28 (Amban, der hohe Kommissar der Manchu war zunächst in Lhasa stationiert). Nach dem Aufstand der Tibeter gegen die Manchu von 1750 (Höhepunkt von Ambans Einfluss auf tibetische Angelegenheiten) und nach dem Gorkha Krieg von 1792 nahm dieser Einfluss wieder ab. Die Autorität des Ambans' in Lhasa nahm in diesen fast 200 Jahren je nach Stärke und Einigkeit der herrschenden Klasse in Tibet und der Stabilität der Manchu Regierung in China zu oder ab.

In den drei traditionellen Regionen Tibets war der chinesische Einfluss in Amdo immer am stärksten. Es wurden bereits im Jahr 1928 die Provinzen Qinghai und Sichuan (östliches Kham) geschaffen. Man konnte das schon damals als chinesisch- "kartographische Invasion" in Tibet erkennen. Dennoch blieb die kartographischen Darstellung von Tibet in 3 Teile aus der Sicht der Tibeter stets und grundsätzlich unverändert. Trotz des Fehlens von zuverlässigen Daten kann man nachvollziehen und behaupten, dass im Jahr 1928 die Tibeter die dominierende ethnische Gruppe, gefolgt von Huis und Mongolen, in diesen Regionen waren. Huis sind ethnisches Chinesisch muslimischen Glaubens. Es ist klar, dass der Zustrom der nicht-muslimischen ethnischen Chinesen nach Qinghai erst nach 1928 begann.

Am 9. September 1965, kurz vor der Kulturrevolution, war Tibet dann formal von der chinesischen Zentralregierung in 5 Regionen aufgeteilt:
Ü-Tsang und das westliche Kham wurden „autonome Region Tibet“ (Teer) genannt.
Der größte Teil von Amdo wurde Qinghai,
ein kleiner Teil im Osten wurde der Provinz Gansu und der Südosten (Ngapa) Amdos wurden Sichuan zugeteilt.
Das nordwestliche Kham (Kyegudo = Yushu) wurde ebenfalls in Qinghai, das östliche Kham in die Sichuan- und der Süden von Kham in die Yunnan-Provinz integriert.

Konflikte in Tibet

Tibeter warten auf Hilfe

Tibet - Historischer Überblick

Freitag, 16. Januar 2009

Freiheit für Tibet - Bo Rangzen


Tibet war vor der Besetzung durch die VR - China unabhängig. Außer Volk und Land gab es eine eigene Sprache, eine eigene Schrift, eine eigene Währung, eine eigenen Nationalflagge und alles anderen was zu einem unabhängigen Staat gehört.

China beutet nun seit über einem halben Jahrhundert Tibet aus: Wälder werden rücksichtslos und ohne System abgeholzt, Edelmetalle und andere Bodenschätze werden abgebaut, Kulturschätze werden ins Ausland verkauft.

Tibet wird zu Chinas Müllgrube – Atommüll und andere gefährlichen Stoffe werden in Tibet endgelagert. Die Folgen für Tibet aber auch für die Welt durch radioaktive Strahlung und Vergiftungen sind schon jetzt absehbar.

Menschen wurden und werden inhaftiert und gefoltert. Das galt schon immer wenn man eine andere Meinung als die regierende Partei hatte. Nach den jüngsten Unruhen reicht es schon ein Tibeter zu sein um große Gefahr zu laufen verhaftet zu werden. Perfide Foltermethoden wie z.B. Elektroschocks sind an der Tagesordnung.

Systematische Sterilisierung tibetischer Frauen. Unter dem Vorwand sich zu einer medizinischen Untersuchung zu melden wurden Frauen in medizinische Einrichtungen geladen in denen sie ohne ihr Wissen und Einverständnis sterilisiert wurden.

Durch Zuzug von Chinesen werden die Tibeter im eigenen Land zur Minderheit. Dies gilt bereits für Lhasa und viele andere tibetische Städte. Nahezu alle Geschäfte, vor allem die lukrativen, sind fest in der Hand von Chinesen. Tibeter werden als Menschen zweiter Klasse, nicht nur in Tibet, behandelt, die sich für einfachste Arbeiten verdingen müssen um zu überleben.


Klöster und andere historische Gebäude wurden geschändet und zerstört. Mentsekang. die Hochschule für traditionelle tibetische Medizin auf dem Chagpori-Hügel gegenüber dem Potala-Palast, sowie ca. 6000 Klöster darunter Ganden, Tsurpu und Tsera, um nur die größten zu nennen, wurden zerstört.

Die wenigen Klöster und Tempel, die nicht der chinesischen Zerstörung zum Opfer gefallen sind bzw. von Tibetern teilweise wieder aufgebaut wurden, werden als Touristenattraktionen zweckentfremdet. Die Mönche und Nonnen werden sofort verhaftet wenn sie sich für mehr tibetische Autonomie und Religionsfreiheit aussprechen. Sie sind von den chinesischen Offiziellen nur als Statisten gesehen und geduldet.


Die alte tibetisch-buddhistische Kultur wird systematisch zerstört und ihre Reste zur Folklore für Touristen gemacht. Erst nachdem die chinesischen Besatzer bereits viele Buddhafiguren ihrer Edelsteine beraubt und das Gold der Tempel eingeschmolzen hatten wurde ihnen bewusst, dass auch die tibetische Kultur sich vermarkten ließ. Chinesische Händler verkaufen billige Imitationen tibetischer Trachten und tibetischer Kunstwerke an Touristen.

Die Entführung religiöser Führer Tibets durch die chinesische Regierung und ihr Ersetzen durch Nachwuchs von Parteimitgliedern wird, noch nicht erfolgreich, praktiziert. Der von den Tibetern anerkannte und beliebte Panchen Lama wurde von den chinesichen Behörden verschleppt und ist seit Jahren verschollen. Anstelle von ihm wurde das Kind eines Parteikaders den Mönchen und Tibetern als neuer Panchen Lama vorgesetzt. Die Tibeter in Tibet akzeptieren diesen "Panschen Lama" nur unter Zwang.

Die tibetische Sprache wird mehr und mehr durch das in Zentralchina übliche vereinfachte Chinesisch ersetzt. Tibetisch wird in den meisten Schulen nur noch als Zweitsprache gelehrt. Für die meisten Tibeter sind viele Bildungsangebote überhaupt nicht zugänglich.


Die von den Chinesen ins Land gebrachte Infrastruktur dient nur der weiteren Unterdrückung und Ausbeutung des Landes. Die Stromleitungen und Straßen z.B. führen von einer chinesisch-militärischen Einrichtung zur anderen und in die chinesischen Viertel der Städte. Bei der Planung der Infrastruktur ging und geht es nur um chinesische Interessen. Die Bedürfnisse der Tibeter werden ignoriert und spielen keine Rolle.

Die chinesische Regierung hält die Weltöffentlichkeit offensichtlich für blind und dumm. Sie hofft, dass durch ständige Wiederholung ihre Lügen zu Wahrheiten werden. So werden historische Fakten zur Unabhängigkeit Tibets vor 1950 ignoriert und völlig außer Acht gelassen. In chinesischen Schulen wird ausschließlich nationalistische Propaganda zum Lehrstoff. Viele Chinesen haben nur diese Propaganda der Pseudokommunisten als Geschichtsbild und haben Schwierigkeiten mit der Wahrheit umzugehen.

Der wissenschaftliche Dienst des deutschen Bundestages stellte bereits 1987 fest:

„Die Staatengemeinschaft geht zwar davon aus, dass Tibet Teil des chinesischen Staatsverbandes ist, doch wurde der Status Tibets nicht geklärt. Zum Zeitpunkt der gewaltsamen Einverleibung in den chinesischen Staatsverband war es ein eigenständiger Staat. China hat keinen wirksamen Gebietstitel erworben, weil es dem Grundprinzip des aus dem Gewaltverbot hervorgehenden Annexionsverbots entgegensteht. Die Effektivität tatsächlicher Herrschaftsgewalt über ein Gebiet vermag keinen Gebietserwerb zu bewirken.“

Der Deutsche Bundestag stellte im Jahr 1996 mit einer sehr großen Mehrheit die gewaltsame Unterdrückung Tibets und Repressionspolitik Chinas fest:

„Beginnend mit den unmenschlichen Militäraktionen seit dem Einmarsch Chinas im Jahr 1950, dauert die gewaltsame Unterdrückung Tibets und seines Strebens nach politischer, ethnischer, kultureller und religiöser Selbstbestimmung bis heute an. Die fortgesetzte Repressionspolitik Chinas in Tibet hat schwere Menschenrechtsverletzungen, Umweltzerstörungen sowie massive wirtschaftliche, soziale, rechtliche und politische Benachteiligungen der tibetischen Bevölkerung und letztlich die Sinisierung Tibets zur Folge.“

Donnerstag, 8. Januar 2009


Meldungen zu Tibet:

China Observer, 08.01.09:

Tibetischen Flüchtlingen droht die Ausweisung

Etwa 30% der 20.000 tibetischen Flüchtlinge, die in Siedlungen in und um Pokhara, Nepal, leben, wurden nie mit einem Flüchtlingsausweis ausgestattet.

Das Asien-Zentrum für Menschenrechte (ACHR) in New Delhi drängte den zu Besuch in Indien weilenden nepalesischen Premierminister Pushpa Kamal Dahal, alias Prachanda, die Rechte der tibetischen Flüchtlinge in Nepal zu schützen und auf keinen Fall irgendeinen von ihnen nach China zurückzuschicken.

Etwa 30% der 20.000 tibetischen Flüchtlinge, die in Siedlungen in und um Pokhara, Nepal, leben, wurden nie mit einem Flüchtlingsausweis ausgestattet.

Der Standard (A), 29.12.08:

"China ist eine Fälschung"

Sein rotes Stirnband will er erst abnehmen, wenn Tibet unabhängig ist: Tenzin Tsundue, führender Kopf der neuen Exilgeneration, zieht im DER STANDARD-Interview Bilanz

Standard: Peking hat den Aufstand der Tibeter vor den Olympischen Sommerspielen niedergeschlagen. Gleichzeitig kann China Treffen westlicher Staatschefs mit dem Dalai Lama weiter nicht verhindern, wie jüngst die Begegnung mit Nicolas Sarkozy zeigte. Sehen Sie mit Bitterkeit oder mit einer gewissen Hoffnung auf dieses Jahr zurück?

Tsundue: Die Proteste in Tibet haben dem Kampf unseres Volks sehr geholfen. Tibet-Beobachter haben zu glauben begonnen, den Leuten gehe es gut unter der chinesischen Besatzung, sie hätten sich damit abgefunden, eben weil es lange Zeit keine Proteste gab.

Der Aufstand der Tibeter am 10. März war ein internationales Ereignis. Eine lange aufgestaute Wut hat sich Bahn gebrochen. Wenn wir nicht protestieren, werden wir sterben, dachten sich die Tibeter. 250 Menschen starben, etwa 5000 wurden verhaftet.

Standard: Weder die Exiltibeter noch die internationale Gemeinschaft haben die Niederschlagung des Aufstands verhindern können.

Tsundue: Die chinesische Regierung macht, was sie will. Die westlichen Regierungen reden über Frieden und Menschenrechte, aber in Wirklichkeit tun sie nichts. Ihre Geschäftsinteressen in China haben Vorrang. Welche Regierung legt sich mit China an wegen Tibet, Ostturkestan (Provinz Xianjing mit der Volksgruppe der Uighuren, Anm.) oder der Unterstützung für das Regime in Myanmar?

Standard: Die EU hat protestiert, ebenso die USA.

Tsundue: Das sind Lippenbekenntnisse. Sie könnten viel mehr tun.

Standard: Was schlagen Sie vor?

Tsundue: Die internationale Gemeinschaft könnte eine Untersuchungskommission nach Tibet schicken, die herausfinden soll, was dort wirklich geschehen ist. Westliche Länder mit ihren Wirtschaftsinteressen in China sollten mehr Verantwortung für ihr Geld verlangen. Ihr Geld ist es, das die chinesische Regierung stärkt und deren koloniale Besetzung in Tibet.

Ich meine, am Ende schadet dieses Geld für die korrupten Kommunisten auch den einfachen Chinesen. Als ich 1997 Gefangener in Lhasa war, hatte ich einen Nachbarn in der Zelle, einen Chinesen, der jeden Tag arbeiten musste. Er kam jeden Abend völlig erschöpft und gebrochen zurück. Er hat mir erzählt, was er tun muss: den Dreck aus den Toiletten der Hotels und Gästehäuser der Touristen schaufeln und in den Gemüsegärten verteilen.

Standard: Was hilft es also, wenn Nicolas Sarkozy den Dalai Lama trifft wie im Dezember in Danzig?

Tsundue: Es hilft. Es liegt natürlich an Frankreich, für seine moralische Integrität einzutreten. Sarkozy hat das getan, indem er sich seine Entscheidung nicht von Peking diktieren ließ.

Standard: Aber die Geschäfte laufen weiter.

Tsundue: Die Geschäfte laufen weiter. Aber ein solches Treffen mit seiner Heiligkeit ermuntert andere Staaten in Europa, dem zu folgen.

Standard: Wie würden Sie sich selbst beschreiben? Als einen Schriftsteller mit politischem Programm oder mehr als politischen Aktivisten?

Tsundue: Ich nehme George Orwell zum Vorbild. Er sagte, es ist nicht genug, Gedichte zu schreiben und sie in einem Buch zu lassen. Du musst auf die Straße hinausgehen und sie an die Wand schlagen. Die Ungerechtigkeit bekämpfen. Ich glaube, ich tue das als Dichter. Wir kämpfen heute für die Wahrheit: dass Tibet ein unabhängiges Land war. Und genau das fordern wir wieder.

Standard: Wie wollen Sie die Volksrepublik China loswerden?

Tsundue: Die Volksrepublik China ist eine Fälschung, die Mao Tse-tung 1949 geschaffen hat, ein verrückter chinesischer Nationalismus, der einfach durch Anwendung militärischer Gewalt entstand. In einem sehr viel freieren Staat werden die Chinesen das verstehen. Veränderungen finden jetzt schon statt.

Standard: Ihre Ideen entsprechen nicht ganz dem, was die tibetische Exilregierung als Linie vorgibt.

Tsundue: Die Exilregierung strebt nach Autonomie für Tibet innerhalb Chinas. Aber das ist nur eine politische Linie, und Politik ändert sich. Wir haben eine demokratisch gewählte Regierung. Wenn eine Mehrheit der Exiltibeter für die Unabhängigkeit ist, gibt es einen Wechsel, und den sehe ich jetzt.

Markus Bernath

Zur Person: Tenzin Tsundue ist Dichter, Aktivist und einer der führenden Köpfe der neuen Generation der Exiltibeter. Der 1975 in Indien geborene Sohn einer tibetischen Flüchtlingsfamilie war mehrfach in Haft, darunter auch 1997 in Lhasa nach einer illegalen Einreise nach Tibet. Tsundue war in Wien anlässlich des Filmfestivals "thishumanworld". Er spielt die Hauptrolle in dem Dokumentarfilm "Road to Tibet" des italienischen Journalisten Manfredi Manera.


Deutsche Welle, 24.11.08:

Kommentar: Tibet braucht echte Autonomie

Entgegen anders lautenden Gerüchten bleibt der Dalai Lama den Tibetern als Gallionsfigur ihres Kampfes um Autonomie erhalten. Eine Chance für China, meint Matthias von Hein in seinem Kommentar.

Vor über 20 Jahren sagte Deng Xiaoping, der Architekt der chinesischen Reform- und Öffnungspolitik einen Satz, der heute noch in den Köpfen der Tibeter widerhallt: "In der Tibet-Frage kann man über alles reden, außer über die Unabhängigkeit". Aber schon Deng hat seinen Worten keine Taten folgen lassen. Und auch die heutige Führung setzt im Umgang mit den Tibetern auf Unterdrückung, nicht auf echten Dialog.

Weil das so ist, weil auch die Proteste der Tibeter im März brutal niedergeschlagen wurden, weil insgesamt acht Gesprächsrunden zwischen den Gesandten des Dalai Lamas und der chinesischen Regierung keinen Millimeter Fortschritt gebracht haben und im Sande verliefen, deshalb macht sich Unzufriedenheit unter den Exiltibetern breit. Gerade die jüngeren Tibeter sprechen sich immer häufiger für eine Abkehr vom "Mittleren Weg" des Dalai Lamas aus. Dieser Weg lehnt Gewalt ab und zielt lediglich auf echte Autonomie innerhalb des chinesischen Staatsverbandes; staatliche Unabhängigkeit wird nicht angestrebt.

Friedfertigkeit nimmt ab

Die Frustration im Umgang mit dem übermächtig erscheinenden China aber wurde so groß, dass immer mehr Tibeter bereit scheinen, gewaltsam für ein unabhängiges Tibet zu kämpfen. In dieser Situation hat der Dalai Lama das einzig Richtige getan: Er hat eine Sonderkonferenz der Tibeter einberufen, damit die Betroffenen selbst über den künftigen Weg beraten. Am Ende von einer Woche Beratung der 600 Delegierten steht nun ein klares Votum für den gewaltfreien, mittleren Weg des Dalai Lamas.

Peking sollte froh sein, dass der Dalai Lama die Exiltibeter noch einmal hinter sich vereinen konnte. Und Peking sollte die Zeit nutzen. Denn der Dalai Lama ist bereits 73 Jahre alt. Statt ihn als Separatisten und Verräter zu beschimpfen, sollte ein kritisches Nachdenken über die chinesische Minderheitenpolitik einsetzen.

Peking darf sich nicht wundern

Es sollte Peking zu denken geben, dass die Stimmung in Tibet trotz der gewaltigen Investitionen so stark gegen die Zentralregierung gerichtet ist. Der Pekinger Buchautor Wang Lixiong, verheiratet mit einer Tibeterin, bringt es auf den Punkt: Gerade die Politik der Zentralregierung treibt die Tibeter in die Arme von Unabhängigkeitsbefürwortern. Wer Mönche in so genannten "patriotischen Schulungen" dazu zwingt, mit dem Dalai Lama ihr religiöses Oberhaupt zu verleumden, der darf sich nicht wundern, diese Mönche bei nächster Gelegenheit auf der Straße zu sehen.

Nicht nur Tibet braucht echte Autonomie, auch die Rechte der anderen 55 nationalen Minderheiten müssen gestärkt werden, darunter die der Uighuren und Mongolen. Und diese Rechte müssen einklagbar werden - vor unabhängigen Gerichten. Damit könnte viel Druck aus dem brodelnden Nationalitätenkessel genommen werden. Die Konferenz von Dharamsala hat Konfrontation eine Absage erteilt; die Tibeter setzen weiter auf Dialog. Peking sollte im eigenen Interesse dafür sorgen, dass es ein echter Dialog wird.

Matthias von Hein