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Freitag, 8. April 2011

Die meisten hießen "Rolf"

Als Junge vom nahen Lande tauchte ich vor 44 Jahren in Heidelberg auf. Ich begann eine Ausbildung zum Buchdrucker in Heidelberger Ortsteil Kirchheim und besuchte einmal in der Woche eine Berufsschule in der Nähe der Innenstadt. Meine erste erotische Erfahrung machte ich damals, im Alter von noch 15 Jahren, mit einem 26jährigen südamerikanischen Studenten. Das war der erste sexuelle Kontakt mit einem Mann, der über die Spiele und das Erforschen der sexuellen Möglichkeiten im heimatlichen Dorf hinaus ging. Durch diesen ersten Kontakt erfuhr ich, wo man "Gleichgesinnte" in Heidelberg treffen konnte. Was nun folgte, hat mich ein Leben lang geprägt.

Die Männer die mir begegneten und von denen ich Zuneigung, Verständnis, Unterstützung erhoffte, waren nahezu alle stark traumatisiert. Es war damals die Zeit des §175, in der von den Nationalsozialisten 1937 verschärften Form, der noch immer Gültigkeit hatte. Ich habe Razzien miterlebt, in der die Polizei ein Kesseltreiben, gegen die Männer auf ihren abendlichen Treffpunkten, veranstaltete. Meine potentiellen Vorbilder, die Männer mit "Erfahrung" zu denen ich aufschaute, haben mit dieser Art polizeilicher Maßnahmen seit ihrer frühsten Jugend gelebt. Viele von ihnen waren nach §175 vorbestraft. Fast alle lebten ein Doppelleben. Meine Versuche über flüchtige sexuelle Kontakte hinaus Kontakte zu knüpfen wurden abgeblockt. Auffälliger Weise hießen viele Männer damals Rolf, der ein oder andere Thomas oder Dieter. Eine Telefonnummer oder gar eine Adresse gab es nicht, und ich stellte bald fest, dass der Name meist erfunden war. Erwachsene Männer wurden für sexuelle Kontakte mit anderen erwachsenen Männern in dieser Zeit mit bis zu 5 Jahren Haft "bestraft". Ich war die nächsten Jahre noch nicht volljährig, was man damals erst im Alter von 21 Jahren war. Kontakte zu "Minderjährigen" wurden noch viel strenger und schärfer geahndet als Kontakte zwischen Volljährigen.

Glücklicher Weise gab es in Heidelberg Studenten, die meinem damaligen Alter am nächsten waren und die, wie ich, mit dieser Situation nicht einverstanden waren. Der Kontakt zu ihnen zeigte mir die ungefähre Richtung, die zu nehmen war, wollte ich nicht zu einem dieser verklemmten Schwulen mit Doppelmoral werden, welche meist bis ins hohe Alter ihrer "verlorenen Jugend" hinterher eilten. Im Alter von 17 Jahren, kurz nach der ersten Liberalisierung des §175, gründete ich, zusammen mit zwei Studenten, die erste Schwulengruppe in Heideberg. Diese Gruppe gab es unter dem Namen "Homo Heidelbergensis" bis weit in die 80er Jahre.

Hier ein Bild des Kiefers des ältesten Mitglieds und auch Namensgebers unserer Gruppe
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