Dieses Blog durchsuchen

Translate

Samstag, 24. Oktober 2009

Buddhismus und Homosexualität

Eine Schwule Tragödie
(leicht gekürzt aus dem Blog von Shravasti Dhammika)

Hin und wieder kommt jemand auf mich zu und nach oft kurzer Zeit, nicht ohne erst um den heißen Brei herum zu reden, fragen sie mich, was die buddhistische Position zur Homosexualität sei. Daraufhin sage ich ihnen, dass absichtliche Handlungen (kamma) das Bewusstsein verändern und unser kamma (Karma) die Zukunft bedingt. Positive absichtliche Handlungen hätten positive Auswirkungen (vipaka), und negative absichtliche Handlungen hätten negative Auswirkungen. Sexuelle Handlungen, die durch die üblichen Absichten und Gefühle, die zwischen zwei sich liebenden Menschen bestehen, motiviert sind, hätten eine positive Auswirkung, seien sie nun homo- oder heterosexuell. Diesen Punkt betone ich, indem ich sage, dass buddhistische Sexualethik sich vor allem mit den Beweggründen hinter unserem Sexualverhalten – anstatt mit dem Geschlecht unseres Partners – beschäftigt.
Wenn also zwei Menschen desselben Geschlechts ihre Liebe zueinander körperlich zum Ausdruck bringen, gibt es keinen guten Grund, warum das dadurch geschaffene Karma sich irgendwie von dem Karma unterscheiden sollte, das entsteht, wenn zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts dasselbe tun.
Wenn ich das gesagt habe, versuche ich, das Thema zu wechseln. Nicht etwa, weil mich über Homosexualität zu reden in Verlegenheit brächte, sondern weil es mir nicht behagt, den Buddhismus unter ein einziges „Generalthema“ zu stellen. Vor einigen Jahren aber hatte ich eine Begegnung, durch die mir klar wurde, dass ich solchen Fragen – mögen sie von Homosexuellen selbst oder ihren Familien kommen – meine ganze Aufmerksamkeit schenken sollte. Wie theoretisch oder nebensächlich mir dieses Thema auch vorkommen mag, so ist es doch wahrscheinlich von großer Bedeutung für die Menschen, die solche Fragen stellen.

Ein junger Mann namens Julian rief mich an und fragte, ob er zu mir kommen und sich mit mir über Buddhismus unterhalten dürfe. Ich stimmte zu, und er kam zum verabredeten Termin. Es stellte sich heraus, dass er um die Zwanzig war, von zierlicher Statur und mit ansprechenden Gesichtszügen. Er wirkte gepflegt und war gut gekleidet. Er begann damit, mir einige Fragen zum Buddhismus zu stellen, aber ich spürte, dass es eigentlich nicht das war, was er wissen wollte. Schließlich kam die Frage: „Ehrwürdiger, kann ein Schwuler ein guter Buddhist sein?“ Ich antwortete wie gewöhnlich, aber es wurde bald klar, dass er damit nicht zufrieden war. Immer wieder machte er Zwischenbemerkungen und äußerte Zweifel an dem, was ich sagte. Auf seine Einwände antwortete ich ihm, aber er ließ sich nicht überzeugen. Beim toten Punkt angelangt und im Unklaren darüber, was ich ihm noch hätte sagen können, fragte ich ihn, ob er schwul sei. Er errötete, räusperte sich und sagte, er sei es. Dann erzählte er mir seine Geschichte: Seit seinen frühen Teenagerjahren fand er andere Jungs attraktiv. Er war entsetzt über seine Gefühle und hielt sie streng unter Kontrolle. Ein Jahr zuvor hatte er während seiner Wehrdienstzeit einen anderen schwulen Soldaten kennen gelernt, und seit dieser Zeit hatten sie eine Beziehung, wenngleich eine durch Schuld und Flüchtigkeit geprägte. Ein- bis zweimal im Monat legten sie ihr Geld zusammen und nahmen sich für eine Nacht ein Hotelzimmer. Zumindest bei Julian folgten danach Tage der Selbstverachtung und der Vorsatz, es nie wieder zu tun. Nachdem er seine Erzählung beendet hatte, ließ er den Kopf hängen und sagte: „Das muss einfach falsch sein!“ – „Na ja“, sagte ich, „einige Leute werden das sonderbar finden. Aber aus buddhistischer Sicht kann ich nicht erkennen, dass es besonders schädlich sein könnte. Die sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen ist eine vollkommen natürliche Angelegenheit, und das ist akzeptabel, wenn sie nicht Ehebruch oder die Verletzung anderer mit sich bringt. Der Konflikt, den du in dir mit dem Hass auf gänzlich unschädliche Gefühle erzeugst, verletzt dich mehr, als es dein Schwulsein jemals könnte. Es gibt keinen Grund, warum du nicht die Tugendregeln (Silas) achten und gleichzeitig schwul sein könntest.“

Er schwieg, aber ich bemerkte, dass ich seine Zweifel nicht hatte ausräumen können. Julian besuchte mich in den beiden folgenden Monaten noch zwei Mal. In unseren Gesprächen ging es um den Dhamma im Allgemeinen, und obwohl wir auch wieder das Thema Homosexualität behandelten, kamen wir größtenteils wieder zu den gleichen Ergebnissen.

Dann, nachdem ich fast ein halbes Jahr ihn weder gesehen noch von ihm gehört hatte, rief er mich an. Er erzählte mir von einem berühmten taiwanesischen Mönch, der in der Stadt eine Reihe von Vorträgen hielt, und dass er es geschafft hatte, ihn kurz persönlich zu sprechen. Dem Mönch hatte er dieselben Fragen wie mir gestellt. Der Mönch hatte ihm gesagt, Homosexualität sei eine ekelhafte und verwerfliche Angelegenheit; Homosexuelle würden in der untersten Hölle wiedergeboren, wo sie über Weltzeitalter hinweg in Kot gesiedet würden. Julian sagte dies in einem fast triumphierenden Ton, anscheinend froh, dass er mir einen Irrtum nachgewiesen oder jemanden gefunden hatte, der ihm Recht gab. Ich fragte ihn, was dieser ehrwürdige Mönch denn noch gesagt habe. „Nichts“, erwiderte er. „Er wollte irgendwo hin und hatte nur ein paar Minuten Zeit, um mit mir zu sprechen.“

Wie oft habe ich das schon erlebt! – Ich erzähle einem Fragenden etwas über Buddhismus, wovon ich weiß, dass es fundiert, vernünftig und in Übereinstimmung mit der Überlieferung ist, und dann geht er zu einem anderen Mönch, der ihm genau das Gegenteil erzählt, kommt wieder zu mir zurück und bittet mich, die Abweichung der Auffassungen zu erklären. Dann muss ich mich mit dem Problem herumschlagen und entweder sagen, der andere Mönch wisse nicht, wovon er da redet (was auch oft der Fall ist), und erwecke den Eindruck, ein arroganter Emporkömmling zu sein; oder ich beiße mir auf die Zunge, sage nichts und lasse diesen Menschen weggehen mit einer weiteren unausgegorenen Idee oder einem Aberglauben, von dem er meint, dies sei Dhamma. Wie oft passiert mir das? Sehr häufig! In den meisten Fällen ist es einfach nur frustrierend. In diesem Fall aber hatte es tragische Folgen.

„Sieh mal, Julian“, sagte ich, „du hast mich gefragt, was der Buddhismus zur Homosexualität zu sagen hat. Was ich dir dazu sagte, beruht auf meinem 20 Jahre langen Studium der buddhistischen Schriften und meinem Nachdenken über die verschiedensten Fragen im Lichte der Lehre Buddhas. Ich weiß nicht, was ich dir sonst noch sagen könnte.“ Ich sagte ihm noch, wann immer er mit mir reden wolle, könne er dies gerne tun, und wir beendeten unser Telefongespräch.

Vier Tage später blätterte ich in der Zeitung. Eine kleine, unscheinbare Nachricht auf Seite 8 fiel mir ins Auge. Die Überschrift lautete: „Männliche Leiche in Park gefunden“. Ich überflog kurz den Artikel und wollte mich gerade etwas anderem zuwenden, als mir der Name Julian förmlich entgegensprang. Augenblicklich wurde meine Aufmerksamkeit gefesselt. Ich las den Passus, wo der Name erwähnt wurde. Es ging tatsächlich um jenen Julian, der mich besucht hatte. Ich las den Artikel nochmals von Anfang bis Ende durch. Vier Tage zuvor, vielleicht nur ein paar Stunden, nachdem er mich angerufen hatte, war Julian am späten Abend in einen Park im Stadtzentrum von Singapur gegangen, hatte eine Überdosis Schlaftabletten genommen und wurde am folgenden Morgen tot aufgefunden. In seiner Kleidung fand man einen kurzen Abschiedsbrief, aber über dessen Inhalt wurden keine Angaben gemacht. Der Kummer überwältigte mich. Der Gedanke an ihn, wie er dort völlig allein gelassen dalag, voller Selbsthass und in Verzweiflung sich selbst tötete, brachte mich fast zum Weinen. Doch bald stieg Zorn in mir auf und wurde immer größer, bis er meine Traurigkeit vollständig verdrängt hatte. Ich stellte mir den taiwanesischen Mönch vor, wie er unbekümmert seine ignorante und letztendlich vergiftende Ansicht von sich gab, bevor er fort eilte, um eine Predigt über Mitgefühl zu halten oder die Verehrung der Menge entgegen zu nehmen. Ich wurde so wütend, dass ich den Entschluss fasste, ihm einen Brief zu schreiben und ihm mitzuteilen, wofür er da verantwortlich war. Dann dachte ich, dies wäre vermutlich Zeitverschwendung. Wahrscheinlich würde er sich gar nicht an das Gespräch mit Julian erinnern.

Ich nehme an, die meisten Menschen, die sich Gedanken um andere machen, würden zustimmen, dass Sex ohne Liebe eine ziemlich uninteressante Sache ist. Physisch betrachtet ist es wenig mehr als der „Austausch von Körperflüssigkeiten“, wie es die AIDS-Aufklärung so taktvoll ausdrückt. Was das Sexuelle über die Ebene des Austausches von Körperflüssigkeiten erhebt, sind die dahinter stehenden Beweggründe und Gefühle, wie Zuneigung, Zärtlichkeit, der Wunsch zu geben wie zu empfangen, die Bindung zwischen Gefährten, ja sogar Spaß. All dies stimmt mit einem berühmten Ausspruch des Buddha überein: „Ich sage: Die Absicht ist das Karma.“ Ist es eine positive oder negative Handlung, wenn man jemandem ein Messer in den Leib stößt? Das kommt darauf an! Ein Messer in der Hand eines wütenden, gewalttätigen Menschen wird wahrscheinlich zu einer negativen Handlung führen.
Führt dagegen ein Chirurg das Messer bei einer Operation, um jemandem das Leben zu retten, dann ist die Handlung gewiss positiv.

Aus buddhistischer Sicht wird das Sexualverhalten nicht in erster Linie aufgrund des Geschlechts der Beteiligten beurteilt, auch nicht nach einem in der Bronzezeit aufgestellten Verhaltenskodex, auch nicht danach, ob ein Rechtstext unterzeichnet worden ist, sondern nach der zugrunde liegenden Konstellation. Homosexuelle sind genauso wie Heterosexuelle in der Lage, gegenüber ihren Partnern Liebe und Zuneigung zu wünschen und zu empfinden. Und wo ein solcher Zustand gegenwärtig ist, ist homosexueller Sex genauso akzeptabel wie heterosexueller.

Dies ist eine einfache wie schlüssige Wahrheit, die im Einklang mit den buddhistischen Lehren steht, aber die Umstände waren so, dass ich nicht vermochte, Julian zu helfen, dies zu erkennen. Seine gesamte Erfahrung hatte ihm gezeigt, dass es falsch sei, sich zu Menschen desselben Geschlechts hingezogen zu fühlen. Sein persönliches Umfeld hatte immer auf Homosexualität mit Missbilligung und auf Schwule mit höhnischem Gekicher reagiert. Das (in Singapur) geltende Recht hatte ihn gelehrt, Homosexualität sei so verabscheuenswert, dass sie mit 10 Jahren Haft zu bestrafen sei – länger als für Totschlag. Er wusste, dass Religionsgelehrte – Christen, Muslime und sogar Buddhisten – sie als so verwerflich ansehen, dass sie furchtbare Folgen auf das Leben im Jenseits haben werde. All diese Verunglimpfungen und Ignoranz hinderten ihn, die sanften, vernünftigen und gütigen Worte des Buddha hören zu können. Das verursachte ihm unermessliches Leiden und trieb ihn in den Selbstmord.

Ich muss wieder an Julian denken, denn vor drei Wochen stellte ich den Buddhismus in einem Seminar zum Thema Religion und Homosexualität an einem katholischen College vor. Ich ging davon aus, dass von den 800 Studierenden unter der Hörerschaft eine gewisse Anzahl homosexuell war und damit rangen, über ihre Gefühle Klarheit zu gewinnen. Im Bewusstsein, dass das, was ich sagte, einiges damit zu tun haben kann, ob sie entweder glücklich und ausgeglichen oder aber in Qual und Selbsthass heranwachsen, verwendete ich besonders viel Sorgfalt darauf, den buddhistischen Standpunkt zur Homosexualität zu erläutern.

Ursprünglich Eingestellt von Shravasi Dhammika aus Singapur auf dem Blog Dhamma Musings im Mai 2008

Link zum Originalbeitrag im Blog Dhamma Musings in Englisch
Kommentar veröffentlichen