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Freitag, 13. Dezember 2013

Politik mit "Kindersex"

Die Grünen wurden von Ihrer Geschichte eingeholt, ich meine nicht in sofern, dass sie sich in Sachen Kindesmissbrauch schuldig gemacht haben. Es hat sie eingeholt, dass sie vor über 30 Jahren politisch nur aus wahltaktischen Gründen ein Thema besetzten ohne sich auf breiter Ebene ernsthaft damit zu beschäftigen. Politische Aktivisten, welche die Hintergründe kannten und jederzeit hätten aufklären können wurden schon früh durch Studenten ersetzt, welche zwar schöne Aufsätze zum jeweiligen Zeitgeist schreiben konnten aber kein Rückgrat und kaum Bewegungserfahrung hatten und ihr Fähnlein oft, ganz wie die späteren Grünen, versuchten nach dem jeweiligen Wind zu hängen.

Was war geschehen?

Im September 1969 wurde der § 175, der bis dahin in der von den Nazis verschärften Fassung von 1937 galt, erstmals liberalisiert. Vorher war es möglich Männer für einvernehmlichen Sex mit bis zu 5 Jahren Gefängnis zu bestrafen, wenn er aktenkundig wurde. Erst nach dieser Entschärfung des § 175 bildete sich in der damaligen Bundesrepublik Deutschland eine Schwulenbewegung. Neben der Forderung nach völligem und ersatzlosem Streichen des § 175 forderte diese Bewegung zusammen mit anderen gesellschaftlichen Kräften auch, die Sexualität als ganzes zu entkriminalisieren. Der Gedanke hat sich entwickelt, dass Gewalt, Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen und andere Delikte sowie die Kriminalisierung, welche die Selbstbestimmung und die Freiheit von Menschen einschränken, auch in anderen Bereichen existieren und hier wie dort beendet werden müssen. Sexualität für sich sollte aus diesen kriminellen und menschenverachtenden Zusammenhängen heraus geholt werden. Sexualität kann der auslösende Grund, die dahinter stehende Motivation für eine Straftat sein, sollte aber an und für sich nicht als Straftat gelten. Die heilig/unheilige, unreflektierte und vermutlich unfreiwillige, Union zwischen katholischer Kirche und Feministinnen, welche die Sexualität für sich bereits als Delikt sehen, war mir immer ein Rätsel.
Leider wird das in der, 30 Jahre später, rechtzeitig zum Bundestagswahlkampf, losgetretenen Medienaktion deutlich. Die Forderung zur Entkriminalisierung der Sexualität geht unter, auch auf Grund dummer und unüberlegter Aussagen von Politikern der Grünen und von beteiligten Päderasten von damals und heute. Diese Forderungen werden heute, vor allem kurz vor Wahlen, klar als Freibrief für Sex mit Kindern umgedeutet und möglichst dem politischen Gegner angelastet.
Ein gutes Beispiel dafür ist dieser Artikel in der FAZ

Es ging eigentlich ursprünglich um eine Entkriminalisierung sowie Enttabuisierung der Sexualität und eine stärkere Pönalisierung und eine klare Benennung und Abschaffung von Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnissen, ebenso wie eine konsequente Bekämpfung von Gewalt, in allen zwischenmenschlichen Bereichen.

Dass die politischen Kräfte, welche für ungerechte und ungleiche Verhältnisse mit verantwortlich sind und waren, Kräfte zum Beispiel, die einen § 175 bis 1969, in Teilen sogar bis 1994, aufrecht erhielten, erfolgreich eine solche Kampagne starten konnten, ist ungeheuerlich. Noch ungeheuerlicher allerdings ist, dass Herr Trittin nicht erklären konnte, unter was er seinerzeit seine Unterschrift gesetzt hatte, dass Herr Beck sich, trotz besserem Wissen, auf die Ebene des Leugnens zurückzog usw.
Anstatt die Zusammenhänge um die es damals ging beim Namen zu nennen und diese dann zum Bumerang für die Urheber der Kampagne zu machen, duckten sie sich weg und fürchteten um ihre Karrieren und Wahlerfolge.

Die wenigen Überbleibsel aus der Zeit, als es um dieses Thema auch öffentlich ging, sind mittlerweile nur noch in irgendwelchen Archiven zu finden, durch Suchmaschinen im Internet oder gar bei YouTube als kleine, aus dem Zusammenhang gerissene Videobeiträge. Mir wurden bei Abgeordnetenwatch, wo ich mich als Bundestagskandidat der Piraten eingetragen hatte, diesbezüglich Fragen gestellt:

Fragen und Antworten bei Abgeordnetenwatch

Die Instrumentalisierung der Pädophilie für politische Kampagnen sollten in einer Demokratie keinen Platz haben. Ich empfehle daher das Studium von
dem sehr ausführlicher Artikel bei Wikipedia
für alle die ein echtes und hilfreiches Interesse am Thema Pädophilie und der damit zusammenhängenden Probleme haben.

Durch Hass, böse Absicht, Ignoranz und Halbwissen betriebener Rufmord sollte künftig denen, die ihn mit diesem Thema begehen wollen, ach was sage ich, eigentlich immer auf die eigenen Füße fallen. Es geht ihnen nämlich ganz offensichtlich hier nicht um die von Pädophilie Betroffenen und nicht um die Opfer von sexuellen Übergriffen. Das zeigt unter anderem der geänderte mediale Umgang mit dem Thema, gleich nachdem die Wahlen vorbei waren.

Dienstag, 10. Dezember 2013

Einst Esoteriker, heute aber auch noch:
Martin Kamphuis

Früher Buddhist und heute Christ? Nein, Esoteriker damals wie heute.

Die Katholiken in Frankfurt luden mich zu einer Veranstaltung mit Martin Kamphuis im Haus am Dom in Frankfurt am Main ein. Was ich zunächst als einfache Einladung zur Veranstaltung verstand, mündete letztlich auf einem Podium um ein Gegengewicht zu den Thesen von Martin Kamphuis zu sein.
Das Lesen des gleichnamigen Buches von Kamphuis hätte ich mir sparen können, weil er bei seiner Vorstellung in ca. 40 Minuten inhaltlich eine Kurzform dieses, seines Buches vortrug.

Hier die Geschichte: Ein junger, gut aussehender, Holländer machte sich vor Jahren auf die Reise aus dem kleinen flachen Holland in die große Welt mit Bergen und unterschiedlichen Kulturen. Er trampte und versuchte mit sparsamen Mitteln möglichst viel zu sehen und zu erfahren. Er machte, wie viele Jugendliche vor und nach ihm, Erfahrungen mit Drogen, Sexualität und Spiritualität, oder zumindest mit dem, was er für Spiritualität hielt. Gleich zu Anfang seines Buches und seines Vortrages fiel mir auf, dass er dem gleichen Irrtum unterlag wie viele "Suchende", mich eingeschlossen, schon vor ihm. Er hatte die, uns Europäern bzw. Westlern eigene materialistische Denkart beibehalten als er anfing zu versuchen, das was sich ihm anbot zu konsumieren.
Das bedeutet, er fing an zu sammeln und versuchte sich zu bereichern, indem er Spiritualität, und alles was damit zu tun hatte, konsumierte. Besuche bei Gurus, Lamas, sogar beim Dalai Lama wurden angesammelt neben Meditationen, Aufenthalten in Klöstern und Retreathütten, immer auf der Suche nach dem entscheidenden "Kick", auch Erleuchtung genannt, der sich aber leider nie einstellte, so sich aber auch nicht einstellen konnte, da es mehr das Resultat s/eines Konzeptes war als etwas, was man mal eben so bei einer Meditation, einem Retreat oder einem Vortrag mitnimmt.

Irgendwann begegnete ihm und seiner esoterisch ausgerichteten Freundin jemand, der sie zu einer christlichen Gemeinschaft mitnahm und sie beide "mit Jesus Christus bekannt machte". Auch hier konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich um ein neuerliches Fundstück bei der spirituellen Suche handelte. Martin Kamphuis war von Haus aus christlicherseits nicht vorbelastet und alles was ihm hier begegnete schien ihm mindestens genauso fremd und begehrenswert wie das, was er im Buddhismus zu sehen glaubte.

Das bestätigende verständnisvolle Nicken einer anwesenden evangelischen Theologin, als der Wohnort (Herborn) von Herrn Kamphuis erwähnt wurde, machte mich neugierig. Kurze Recherchen im Internet legten nahe, dass Martin Kamphuis zu einer evangelikalen Pfingstbewegung gehört. Einer seiner Freunde in Kanada behauptet, dass der Buddhismus eine "missionarische" Religion sein und ist wohl mittlerweile auch ein Christ wie Herr Kamhuis.
Ich erlebe in vielem, was Herr Kamphuis verkündet das Gegenteil. Unter anderem bin ich Buddhist, weil der Buddhismus niemand mit "Mission" belästigt und weil er, wenn er sich irgendwo verbreitet die bestehende Kultur bestehen lässt und nicht ausrottet, wie es im Christentum und im Islam üblich war und teilweise immer noch üblich ist. Deshalb ist mir auch die Verschwörungstheorie von Herrn Kamhuis nicht verständlich, wo er in das gleiche Horn bläst wie das sonderbare Ehepaar Trimondi, in dem er vor einer buddhistischen Weltverschwörung warnt.

Mein Resumé aus der Veranstaltung:
Was bewegt einen Mann, der lautere spirituelle Absichten hat und von seinem "Glauben" überzeugt ist, seine Religion anzupreisen, indem er eine andere Religion schlecht macht bzw. abwertet. Ist es nicht das positive Erleben der eigenen Religion, das überzeugen sollte? Zugegeben, es ist leichter den Leuten Angst vor dem Unbekannten zu machen und ihre Vorurteile zu schüren und zu bestätigen, als der xtausendste Christ zu sein, der von sich behauptet Jesus Christus, dem lieben Gott oder dem heiligen Geist begegnet zu sein.

Es gibt hunderte von Menschen in Deutschland, Holland und anderen Ländern nicht nur im Westen, die aus christlichen Zusammenhängen kommend, heute im Buddhismus zu Hause sind, keiner von ihnen kam bisher auf die Idee ein Buch mit dem Titel "Ich war Christ" zu verfassen, um damit für den Buddhismus zu werben.

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Allen Ginsberg Auszüge und Bilder

Ballade der Skelette



Das Geheul



Homosexualität ist ein Zustand

Weil sie mich entfremdet hat und weil sie mich von anderen unterschieden hat, diente sie als Katalysator für eine Selbstuntersuchung oder eine detaillierte Erkenntnis meiner Umwelt und der Gründe warum all die anderen anders sind und wieso ich anders bin.





Von links nach rechts: Allen Ginsberg, Michael Fraund, Ottmar Hund, Peter Orlovski, Holger Fitzner und Steven Taylor

Samstag, 28. September 2013

Schwule in der CDU und der Umgang mit Sex

Der grundsätzliche Unterschied zwischen meinen Vorstellungen von Politik und denen von CDU-Mitgliedern wurde in meinen Jahren im Deutschen Bundestag noch deutlicher. Als die schwulen Abgeordneten der CDU und der FDP damals bemerkten, dass es mir nicht um ihr "outing" ging, sondern dass ich, wie in schwulen Kreisen gewünscht und zum Teil auch üblich mit der Homosexualität anderer diskret war, tauten sie allmählich auf. Meist in den Sitzungswochen trafen wir uns im Bonner Domfässchen und hatten dort auch Gelegenheit uns über unsere Arbeit im Parlament und auch über Homosexualität und Politik ganz allgemein auszutauschen. Meine Meinung, die ein Ergebnis meiner Nähe zu alternativen und emanzipatorischen Lebensentwürfen war, dass auch und gerade das "Private" politisch ist, wurde nicht geteilt, sogar abgelehnt. So war die eigene Homosexualität für die, teilweise verheirateten, CDU-Abgeordneten reine "Privatsache", die im Job, der Politik, nicht zu suchen hatte. Selbst meine Einwände, dass z.B. der § 175 und andere gesetzliche Bestimmungen sehr wohl direkte politische Auswirkungen auf die eigene Sexualität haben, wurden nicht akzeptiert. Sie kamen nach eigenem Bekunden mit dieser gelebten Doppelmoral gut zurecht.

Einer dieser Abgeordneten war laut Handbuch des Bundestages ein aktiver Christ, verheiratet mit Kindern. Er war es auch, der aufgrund seiner im Handbuch dokumentierten Biographie, die wenigsten Probleme hatte mit mir im Plenum des Bundestages zu plaudern. Die "ledigen" schwulen Abgeordneten der CDU hielten sich lieber damit zurück mich auch im Bundestag wahrzunehmen und zu begrüßen.

Sicher könnte ich diese Geschichten noch mit der Erzählung eines hübschen jungen Taxifahrers, der für 100 D-Mark mit in die Wohnung des CDU-Familienvaters kommen sollte, oder mit den Erfahrungsberichten über die dicken und ausgesprochen großen Schwänze, die einem anderen konservativen Abgeordneten auf seinen Dienstreisen begegnet sind, ergänzen. Ein sehr bekannter CDU-Mann, der, nicht nur mir, für seine Vorliebe für Jungs in und kurz nach der Pubertät bekannt ist, äußerte sich sinngemäß so, als er zu seiner Haltung zum § 175 gefragt wurde: "Für das Mitglied einer Elite ist praktizierte Homosexualität auch mit Jüngeren in Ordnung, wenn man sie aber für die Allgemeinheit frei gäbe, dann bräche das Chaos aus und die allgemeine Ordnung würde gestört." All das ist nicht der Grund, warum ich diesen Beitrag schreibe. Es ist die allgegenwärtige Doppelmoral in der CDU und anderen konservativen Kreisen, nicht nur die bei diesen Politikern.

Eine Partei, die in vorderster Reihe daran beteiligt war, den § 175*, in der von den Nationalsozialisten verschärften Form, bis zum Jahre 1969 beizubehalten; Eine Partei, welche danach die Überbleibsel des § 175 bis 1994 und darüber hinaus verteidigte und damit für eine weitere Jahrzehnte andauernde gesetzliche Ungleichbehandlung von Homosexuellen sorgte; Eine Partei, die ein C im Namen führt und mit den Institutionen, welche, wie man mittlerweile weiß, dem sexuellen Missbrauch unter dem Deckmantel von Moral und Sexualfeindlichkeit unterstützte oder zumindest unbewusst(?) förderte; Eine Partei, die seit Jahrzehnten vorgibt ausschließlich für "traditionelle" Werte wie Ehe und Familie zu stehen; Diese Partei und ihr nahe stehende Kreise sind es, deren Antagonisten sich zuletzt erdreisteten, rechtzeitig zur Bundestagswahl die moralische Keule aus fadenscheinigen Gründen gegen politischen Gegner zu schwingen.

Diese Kreise sind es, die seit Jahren und auch noch heute federführend mit dafür verantwortlich sind, dass Institute der Sexualforschung und sexualmedizinische Ambulanzen geschlossen und abgewickelt werden, und es dadurch mit sexuellem Missbrauch und auch mit Kindesmissbrauch immer weiter geht und die Situation sich sogar verschlechtert.

Artikel zu bevorstehenden Schließung des Frankfurter Instituts für Sexualwissenschaft

Es geht nicht um Aufklärung und Enttabuisierung, sondern anscheinend um das Schaffen von Grauzonen aus denen dann immer wieder undefiniert "das Böse" kommt. Entsprechende Forderungen nach "Sicherheit" werden so gerechtfertigt und führen zu einer repressiven Politik. An echter Abhilfe scheint kein Interesse zu bestehen, im Gegenteil.


*Kurzgeschichte des § 175

*Wikipedia zu § 175

Montag, 2. September 2013

Die Sonntagsfrage – eine sich selbsterfüllende Prophezeiung

Ein Gastbeitrag von @Elijahuj und Constantin

Der Siegeszug der Demoskopie in der Wahlkampfberichterstattung schreitet seit den 80er Jahren fortlaufend voran. Keine Nachrichten- oder Polit-Talksendung, kein Kandidateninterview lässt die Umfragewerte der einzelnen Parteien und Kandidaten vermissen, Print-, Online- und Rundfunkmedien haben zumindest dies gemeinsam: sie alle zitieren mit zuverlässiger Regelmäßigkeit das vermeintliche Meinungsbild der Republik. An ihm orientiert sich die gesamte Medienlandschaft in der Bewertung der politischen Arbeit von Parteien und Kandidaten. Diese wiederum richten nahezu ihren gesamten Wahlkampf auf Umfragen aus, stets einhergehend mit der Beteuerung, dass Umfragen „nicht alles“ sind. Insofern könnte man die Demoskopie als eine gelungene Kommunikationsform zwischen WählerInnen und Politik bezeichnen, die Politik reagiert also auf Meinungsbilder der Bevölkerung zu bestimmten Themen.

Der wohl am meisten verwendete Index für die Zufriedenheit der Bevölkerung mit dem politischen Geschehen ist die so genannte Sonntagsfrage, bei der die Befragten angehalten sind, ihre aktuelle Wahlpräferenz preiszugeben. Sie ist jedoch nicht nur die prominenteste Vertreterin der Demoskopie und maßgeblich ausschlaggebend für den politischen Kompass der Parteien, sondern ebenso richtungsweisend für die Wahlentscheidung bestimmter Bevölkerungsgruppen. Gemeint ist an dieser Stelle die immer größer werdende Gruppe der WechselwählerInnen, die keine eindeutige Identifikation mit einer bestimmten Partei haben und im derzeitigen Wahlkampf die größte Zielgruppe im Kampf um die Gunst der WählerInnen ist.

In der politikwissenschaftlichen Wahlforschung existieren mehrere Modelle, die typische Verhaltensweisen von WählerInnen beschreiben. Viele davon sind jedoch eher Vermutungen als gesicherte und empirisch fundierte Erkenntnisse. Eines dieser Modelle lässt sich jedoch anhand von Studien belegen und zeigt, welch starke Beeinflussung die Sonntagsfrage auf die Wahlentscheidung haben kann. Es handelt sich hier um den so genannten Fallbeileffekt. Der Fallbeileffekt beschreibt folgendes Verhalten: Eine Person wählt die von ihr bevorzugte Partei nur dann, wenn diese auch Chancen hat, den Einzug in den Deutschen Bundestag zu bewerkstelligen. Dieser Effekt wird maßgeblich durch die in Deutschland bestehende „fünf-Prozent-Hürde“ hervorgerufen. Wer will schon seine wertvolle, nur alle vier Jahre gefragte Stimme und damit einzige Möglichkeit zur bundesweiten Partizipation, an eine Partei verschenken, wenn diese keine Möglichkeit hat, ihre WählerInnen zu repräsentieren? Looser sind out! Nach der Wahl will niemand die Partei gewählt haben, die es nicht geschafft hat, ihre selbstgesteckten Ziele zu erreichen. Am Ende sieht sich das Wahlvolk dann doch immer gern auf der Gewinnerseite. Somit kann die Sonntagsfrage schnell zu einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Ist die Partei mit der größten Übereinstimmung von Programm und eigenen Vorstellungen in den Umfragen eindeutig unter 5 Prozent angesiedelt, ist davon auszugehen, dass sich die Wahlberechtigten „rational“ verhalten und ihre Stimme einer Partei geben, von der sie im Parlament auch repräsentiert werden können.

Betrachtet man nun die Verfahren, mit denen die Daten erhoben werden, die dann von der gesamten Medienlandschaft rezitiert werden, stellt sich schnell heraus, dass die vielbeschworene Repräsentativität der Daten durchaus in Frage gestellt werden kann. Bei der ersten Recherche findet man auf der Internetpräsenz der größten deutschen Meinungsforschungs-Institute meist nur sehr wage Beschreibungen der methodischen Vorgehensweise. Bis auf das Institut für Demoskopie Allensbach geben die meisten Institute an, Telefonumfragen durchzuführen, um ihre Daten zu erheben. Ohne hier einen weitschweifigen Exkurs zum Thema Stichprobenziehung zu bemühen, muss an dieser Stelle doch die Frage gestellt werden, wie die Institute sicherstellen, dass die befragten Personen auch wirklich die gesamte Bevölkerung repräsentieren, bzw. ob dies mit Hilfe von diesem System der Auswahl überhaupt möglich ist. Auf Nachfrage, wie die Repräsentativität sichergestellt wird, zeigen sich die meisten Institute wenig auskunftsfreudig, je mehr man nachhakt, umso mehr beschleicht einen der Verdacht, dass kritische Nachfragen zu diesem Thema nicht erwünscht sind.

Doch eigentlich ist das genau die Frage: Wenn man davon ausgeht, dass bei Telefonbefragungen, aus vielen nachvollziehbaren Gründen, nur Festnetzanschlüsse in die Stichprobe einbezogen werden, kann daraus der Rückschluss gezogen werden, dass bestimmte Gruppen in solchen Befragungen unterrepräsentiert sind. Damit würden die so genannten „mobile onlys“ (Personen ohne Festnetzanschluss), die mindestens 13 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen und größtenteils aus unter 30-jährigen, tendenziell eher Männern und StundentInnen besteht, aus dem Raster der potenziell zu befragenden Personen herausfallen. Besonders junge WählerInnen lassen immer weniger Tendenzen zu Parteiidentifikationen erkennen, die WechselwählerInnen dürften unter ihnen daher relativ zahlreich vertreten und damit besonders relevant für die Befragung sein. Unter ihnen dürften sich vor allem technikaffine Menschen befinden, die neue Möglichkeiten der Kommunikation zu nutzen wissen. Wer schon einmal Telefoninterviews durchgeführt hat, weiß, dass viele Vollzeit-Tätige und StudentInnen meist schlecht über Festnetz erreichbar sind, meist läuft es dann doch auf einen kleinen Plausch mit dem Rentner von nebenan hinaus, der sich freut, dass ihm auch mal jemand zuhört.

Spätestens nach dieser Beschreibung des Typus Mensch, der auf den konventionellen Kanälen nicht erreichbar ist, fällt auf, dass dieser fast deckungsgleich den typischen Wähler der Piratenpartei darstellt. Ihre Wähler sind, jung, meist männlich und zum allergrößten Teil besonders technisch bewandert, schließlich stellt dies eine der Kernkompetenzen der Partei da. Ohne hier zu stark auf die Tränendrüse drücken zu wollen, ist es doch schon sehr bemerkenswert, dass eine Partei, deren AnhängerInnen also meist gar nicht befragt werden, schon vor der Wahl in Grund und Boden prognostiziert, geschrieben und vor allem abgeschrieben wird.

Vor diesem Hintergrund der Beeinflussung von Wahlentscheidungen ist die Frage, ob die Verfahrensweisen der Institute auf den Prüfstand gehören, damit mindestens legitim, die Forderung nach mehr Transparenz der jeweiligen Erhebungsverfahren fast schon ein Bürgerrecht. Es ist nicht einzusehen, warum Institute, deren Daten die Öffentlichkeit massiv prägen, nicht in der Lage sind, die einfache Ja-oder-Nein-Frage zu beantworten, ob BesitzerInnen von Mobiltelefonen in der Erhebung einbezogen werden und wie die Repräsentativität von bestimmten Bevölkerungsgruppen gewährleistet wird. Diese Auskunft betrifft in keinster Weise die wohlbehüteten methodischen Betriebsgeheimnisse der privatwirtschaftlichen Institute, hier würden keinerlei Details offenbart, die für das Institut einen Wettbewerbsnachteil mit sich bringen könnten.

Ein Grundprinzip der Wissenschaft ist die Offenlegung der angewandten Methode, dies soll die intersubjektive Nachvollziehbarkeit gewährleisten, die die Wissenschaft erst zu einer solchen macht. Sie soll gewährleisten, dass die ForscherInnen gewissenhaft gearbeitet haben und sich mit der gleichen Methode die gleichen Ergebnisse messen lassen. Natürlich gibt es auch hier Bereiche, über die gestritten werden kann, doch solch grundlegende Auskünfte sollten normalerweise selbstverständlich sein.

Wir kommen (nach unserem Wissensstand, der durch die mangelnde Auskunftsfreudigkeit vieler Institute beschränkt ist) insgesamt also zu dem Schluss, dass besonders die Sonntagsfrage bestimmte Wählergruppen und damit die von diesen präferierten Parteien strukturell massiv benachteiligt. Die Prophezeiung, dass die Piratenpartei den Einzug in den Bundestag nicht schafft, könnte sich durch die oben beschriebene Vorgehensweise selbst erfüllen. Aus demokratischer Sicht ist diese Erkenntnis äußerst bedenklich.

Dies nehmen wir zum Anlass für einen politischen Appell (Achtung: erhobener Zeigefinger!):

Wer sich als mündige/r BürgerIn begreift, sollte sich seine Wahlentscheidung nicht von politischer Trendforschung abnehmen lassen. Zu einer souveränen Entscheidung gehört einerseits das gewissenhafte Informieren über das politische Angebot, andererseits sollten Meinungsumfragen und Beliebtheitsskalen bei einer Wahl nicht über den Sachthemen stehen.

Und immer dran denken: Wer mit der Herde geht, kann nur den Ärschen folgen!

Ahoi! @Elijahuj & Constantin



Sonntag, 23. Juni 2013

Piraten aus Fulda und Hessen für Bundestag und Landtag

In Hessen finden im Jahr 2013 die Bundestags- und Landtagswahlen am gleichen Tag, dem 22. September, statt. Nachdem es mir aus gesundheitlichen Gründen, sowie einer überraschenden Änderung der Tagesordnung bei der Aufstellungsversammlung in Frankfurt, verwehrt war im Wahlkreis 182 (Frankfurt I) gegen Frau Erika Steinbach zu kandidieren, fasste ich den Entschluss, mich als Direktkandidat für den Bundestag im WK 174, Fulda zu bewerben.

Am Samstag den 21.06.2013 war es soweit: Die Mitglieder des Kreisverbandes Fulda der Piratenpartei wählten mich mit einer großen Mehrheit zum Direktkandidaten für den Bundestag in ihrem Wahlkreis.

Da ich Fulda noch aus den Zeiten des Ansichtskartensammlers und Erzbischhofs Johannes Dyba, dessen Seligsprechung zur Zeit gefordert wird, und dem CDU-Hardliner Alfred Dregger kenne, ist es für mich sehr spannend, in diesem politischen Umfeld zu kandidieren. Für den hessischen Landtag kandidieren Andreas Lindner und Andreas Heidenreich für die beiden Fulda zugehörigen Landtagswahlkreise.

Mit den Aktiven des Piraten-Kreisverbandes Fulda und des Piraten-Landesverbandes Hessen wird es sicher interessant sein und viel Freude machen anlässlich des Wahlkampfs politische Auseinandersetzungen mit den Dregger-Erben und anderen zu führen.

Freitag, 24. Mai 2013

Swami Durchananda
verhindert Unterlassungserklärung gegen
Frau Erika Steinbach



Sehr geehrte Frau Steinbach,

auch Borniertheit ist kein Menschenrecht, selbst eine wiederholte Kandidatur für die CDU im Frankfurter Stadtteil Bornheim, ist keine geeignete Ausrede für anhaltende Borniertheit.


Grund für dieses Blog ist, dass sie in Ihrem Blogroll, auf den sie auch in dem sozialen Netzwerk Twitter mit Ihrem Twitter-Account hingewiesen haben, nachfolgende Behauptung über mich aufstellen, die nicht der Wahrheit entspricht und geeignet ist, mein Ansehen in der Öffentlichkeit nachhaltig zu schädigen.

In einem Blog vom 16.05.2013 behaupten Sie:

„Die Fraktion der Grünen hat im Jahr 1985 einen Gesetzentwurf eingebracht, der zum Ziel hatte u.a. den § 182 des Strafgesetzbuches zu streichen. Darin ist die Strafbarkeit sexuellen Missbrauchs geregelt. Redner und Initiator für diesen Antrag war der hessische Bundestagsabgeordnete und ehemalige Landesgeschäftsführer der hessischen Grünen, Herbert Rusche.“

Dazu folgendes:
Die damalige Fassung des § 182 lautete bis 1987:


§ 182 Verführung

(1) Wer ein Mädchen unter sechzehn Jahren dazu verführt, mit ihm den Beischlaf zu vollziehen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Die Tat wird nur auf Antrag verfolgt. Die Verfolgung der Tat ist ausgeschlossen, wenn der Täter die Verführte geheiratet hat.

(3) Bei einem Täter, der zur Zeit der Tat noch nicht einundzwanzig Jahre alt war, kann das Gericht von einer Bestrafung nach dieser Vorschrift absehen.

In Ihrem Blog suggerieren Sie wahrheitswidrig, die Strafvorschrift des § 182 StGB würde den Schutz vor sexuellem Missbrauch enthalten.

Es ist im Gegenteil so, dass die Strafbarkeit von sexuellem Missbrauch zu keinem Zeitpunkt, auch nicht im Zeitraum von 1975 bis 1987, in § 182 StGB geregelt wurde.


Weiterhin suggerieren Sie damit, dass ich als damaliges Mitglied des Bundestages und ehemaliger Landesgeschäftsführer der Grünen in Hessen dem sexuellen Missbrauch von Kindern Vorschub geleistet habe.

Darüber hinaus ist diese unzulässige Verknüpfung des angeblichen sexuellen Missbrauchs mit der zur Zeit stattfindenden Debatte über sexuellen Missbrauch geeignet, mir zu unterstellen, ich selbst habe pädophile Neigungen und/oder würde diese fördern.


Richtig ist, dass ich als Bundestagsabgeordneter mit der Fraktion Die Grünen einen Antrag zur Streichung der §§ 175 und 182 StGB im Jahre 1985 eingebracht habe.

Das Ziel dieses Antrags war, die strafrechtliche Diskriminierung der Homosexuellen zu beenden und ein allgemeines Schutzalter von 14 Jahren zu erreichen.

Es war deutlich erkennbar nicht die Absicht dieses Antrages, die Strafbarkeit sexuellen Missbrauchs zu beseitigen.


Ihre Behauptungen sind geeignet, mein Bild in der Öffentlichkeit erheblich und nachhaltig zu schädigen. Durch die vorstehend geschilderte unzulässige Verknüpfung von Tatsachen und Halbwahrheiten haben Sie mich in der Öffentlichkeit verleumdet, vor allem auch, weil die von Ihnen behaupteten Tatsachen nachweislich unwahr sind.

Dies sind Auszüge aus der Begründung zu einer Unterlassungserklärung die gestern formuliert und bereit zur Zustellung an Frau Steinbach war.

Im letzten Moment bat mich mein alter Freund und Bekannter, Swami Durchananda, der anscheinend auch ein Freund und Berater von Erika Steinbach ist, nicht mit der Forderung nach einer Unterlassungserklärung gegen Sie vorzugehen. Aus diesem Grund habe ich auf die Zustellung der Unterlassungserklärung verzichtet und mich entschieden mit einem Blog zu reagieren.



Link zum Blog von Frau Erika Steinbach

Link zu Hotel Harakiri, Heimatvertriebenenherberge, Swami Durchananda und Frau Erika Steinbach

Donnerstag, 9. Mai 2013

Gespräch mit dem Spiegel

Eine Frau vom Magazin Der Spiegel aus Berlin rief bei mir an und wollte mir ein paar Fragen stellen. Es ging um meine damalige Beteiligung bei der AG Schwup (Schwule, Päderasten und Transsexuelle bei den Grünen). Nach leidvoller Erfahrung mit dem Spiegel habe ich mir erlaubt, das Telefonat aufzuzeichnen, damit dokumentiert werden kann aus welchem Zusammenhang eventuell was gerissen und was weg gelassen wurde.

Nachdem ich mir die Aufnahme noch einmal angehört habe, konnte ich nichts finden, was skandalisierbar wäre. Aber der Spiegel ist ja erfinderisch. Die junge Frau versicherte mir, dass sie ganz neu beim Spiegel sei und alles ganz anders machen werde als ihr Kollegen.

Hier nun eine Zusammenfassung des Gesprächs:
Ziemlich zu Anfang gleich fragte die Dame mich nach meiner damaligen Beteiligung bei der oben genannten "Schwup". Ich habe klar gemacht, dass ich grundsätzlich gegen die Änderung und Erweiterung des Namens der ursprünglichen AG für Schwule bei den Grünen und Alternativen Listen war, ähnlich wie ich heute Unbehagen bei einer AG Queer empfinde, weil sich unter dem Begriff Queer ganz vieles sammeln lässt, zu dem ich als Schwuler Mann nichts sagen kann. Ich machte deutlich, dass die damalige Schwulenbewegung, an die sich die Pädosexuellen und die Transsexuellen später anhängten, nach der ersten Liberalisierung des §175 völlig naiv und unbelastet davon ausging, dass Sexualität ausschließlich mit Liebe zu tun hat. Auch machte ich deutlich, dass wir uns gegen jede Art von nicht einvernehmlicher Sexualität, also von sexuellem Missbrauch in jeder Form, schon damals stark positioniert hatten.

Dass die Missbrauchsfälle ausgerechnet in den Einrichtungen der Organisationen stattfanden, welche die gültigen moralischen Standards vorgaben und festlegten, wurde auch uns erst Jahre bzw. Jahrzehnte später bekannt. Letztlich konnte man den Eindruck gewinnen, dass gerade durch die Tabuisierung der Sexualität ein gewisser Schutz für die Täter in diesen Institutionen ausging. Dass sexueller Missbrauch ausgerechnet da statt findet, wo man schon ausserehelichen Geschlechtsverkehr geißelt, konnten auch wir uns nicht vorstellen.

Meine Beteiligung in der AG Schwup, zu deren Gründer die Journalistin mich zwischendurch machen wollte, ergab sich aus meiner Zuständigkeit in der Fraktion, das konnte ich ihr, so glaube ich, verständlich machen. Apropos Sachkompetenz: Dass der §175 vor 1969 beinhaltete, dass erwachsene Männer für einvernehmlichen Sex, der auf irgendeine Weise bekannt wurde (Offizialdelikt), bis zu 5 Jahre ins Gefängnis kommen konnten, war ihr zum Beispiel nicht bekannt. Auch dass die erste Veränderung des Gesetzes noch lange nicht das Ende dieses § war und die Streichung erst 1994 vorgenommen wurde, schien ihr unbekannt. Aber egal, wenn ein Gespräch wie dieses zur allgemeinen Aufklärung dient, dann ist mir das eine Freude.

Die Dame hatte Protokolle im grünen Gedächtnis der Heinrich Böll Stiftung gelesen, in denen ich vor allem von einem Herrn Ullmann (an den ich mich nicht mehr erinnern kann) kritisiert wurde, weil ich mich nach seinen Vorstellungen nicht ausreichend für Pädosexuelle einsetzte.

Als dann noch die Sprache auf Daniel Cohn-Bendit kam, war mir auch klar, welche Agenda da abgearbeitet wurde. Ich erklärte ihr, dass ich Daniel als aufrechten Heterosexuellen kenne, der zum Verdacht auf irgendwelche andere Neigungen nicht taugt. Ich hoffe mein Versuch, die von mir vermuteten Gepflogenheiten in einem damaligen antiautoritären Kindergarten zu erklären, ist richtig verstanden worden. Ich habe seit Jahrzehnten keinen Kontakt zu Daniel und ich habe sein Buch, in dem diese Geschichte steht, nie gelesen, auch habe ich nie einen antiautoritären Kindergarten von innen gesehen.

Von mir wurde noch am Rande erwähnt, dass die Schwulen damals nicht mit den Lesben zusammen arbeiteten, die sich damals noch mehr der Frauenbewegung anbiederten.
Auch das war ein Grund, weshalb uns realer sexueller Missbrauch kaum bekannt war. Auf eine unvoreingenommenen Wissenschaft diesbezüglich kann man leider zum Teil noch heute nicht zurück greifen. Das erste nennenswerte Buch zur Homosexualität erschien z.B. erst in den frühen 70er Jahren von Martin Dannecker, der Teil unserer Bewegung war, und Reimut Reiche.

Allgemeiner Anhang:

Die Personengruppe der Journalisten beherrscht den Umgang mit dem gesprochenen oder geschriebenen Wort – allerdings trägt sie keine Verantwortung für praktische Dinge (oder für die Folgen ihrer Handlungen). Ferner fehlen ihr Informationen aus erster Hand, wie man sie nur durch tatsächliche Erfahrung erwerben kann.
Der Ökonom und Politiker Joseph Schumpeter stellt die rhetorische Frage, ob es sich um Leute handele, „… die über alles reden, weil sie nichts verstehen?“ Aus Wikipedia


Dienstag, 2. April 2013

Piraten, Medien, Wahrnehmung



Fertigmachen und Stänkern
Piraten und Medien, Torben Friedrich



Als der Journalist Patrick Tiede eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, sah er sich in einem deutschen Reporter verwandelt. Als solcher hatte er mit seinem Notebook ein paar Tweets einiger Mitglieder der Piratenpartei öffentlich mitgelesen – weil da doch alle so offen sind und man es dann noch einmal in Ruhe bewerten konnte. Tiedes Problem: Journalismus basierend auf Twitter und einigen dpa-Meldungen sind kein kafkaesker Albtraum. Tiedes Lösung: Häme und Respektlosigkeit in seinen Kommentaren.

So geht es zu bei der Presseberichterstattung über die Piratenpartei, die in den jüngsten Presseberichten nach dem medialen Hype um sie gnadenlos in der Gunst der Presse abgerutscht sind – auf gerade noch schlechte Kalauer und irrwitzige Storys über ihre eigene mediale Darstellung.

Die Piratenpartei liefert verlässlich ihre Offenheit in ihren Gesprächen und somit auch ihre Querelen. Ponaders Hartz-IV-Bezüge, die in der Presse nicht von beiden Seiten beleuchtet werden und daher kaum jemand die Sichtweise von Ponader kennt, Rydlewskis Sex-Twitterei, worauf gerade mal 14 Presseberichte im Boulevard eingegangen sind, oder die Nuklearia Atom-Arbeitsgruppe, die mit Butterbroten warme Brüter erklärt – es ist eine bunte Medienwelt von Absonderlichkeiten um die Piraten entstanden. Zwei Medienschichten laufen hier aufeinander.

Erstens: die “alten Medien” – also jene, die ihre Konsumenten noch auf Papier oder am Bildschirm halten, weil sie sich den neuen Möglichkeiten des Mediums Internet nicht bewusst sind. Und auch sich dieses Verhalten durch Leistungsschutzrechte anstatt neue Antworten sichern lassen. Weil die Piraten hier aber nicht liefern, wenden sich diese Berichterstatter ab. Eine Partei, die sich nicht medial anpasst und trotzdem gar nicht so anders ist als die Anderen – die kommt hier nicht gut an. [...]

Am Willen zum zum Diskurs jedenfalls mangelt es nicht. Auf Twitter wird alles von den “alten Medien” seziert, anstatt über die eigentliche Arbeit berichtet. Und dann kommt es schon mal zu einem Selbstabrechnungs-Tweet, gelesen gestern um 18.10 Uhr:

Die böse Öffentlichkeit, die uns alle kaputt macht, sind wir übrigens selbst. #dickesfell #Piraten

— Gero von Zweifeln (@zweifeln) September 3, 2012

Da auf das “Erstens:” kein “Zweitens:” folgte, sondern im Blogkommentar von Tiede nur ein krudes Protestwähler würden abwandern, weil wir keine Antworten auf die großen politischen Fragen hätten kam, konnte ich die Glosse leider nicht vernünftig abschließen und leite darüber lieber das Problem der Piraten mit ihrer Medienkompetenz her.

Nach solchen Artikeln (hier im Original lesbar) auf Titelseiten der täglich erscheinenden bundesweiten Manteln der überregionalen Zeitungen – der obrige Artikel ist vermutlich ebenfalls in der Allgemeinen Zeitung, der Peiner Allgemeine Zeitung, im Göttinger Tageblatt, der Aller-Zeitung, der Leine-Zeitung, der Wolfsburger Allgemeinen, der Deister- und Weserzeitung, der Walsroder Zeitung, Der Harke, den Schaumburger Nachrichten, der Alfelder Zeitung, der Leine-Deister Zeitung, dem Gandersheimer Kreisblatt, dem Täglichen Anzeiger, der Einbecker Morgenpost und dem Seesener Beobachter erschienen – muss man die Mechanismen die in den alten Medien wirken, einfach mal mit den medialen Möglichkeiten der Piraten vergleichen.

Der bisherige Ablauf um Öffentlichkeit und mediale Darstellung seiner Inhalte zu erlangen, war der Weg über den klassischen Journalismus in die Zeitungen, Radio-Sender und Fernsehprogramme der interessierten Leser und Zuhörer. Man lieferte seine Nachrichten an die Redaktionen, diese suchen sich die mit dem größten monetarisierbaren Wert aus und publizieren diese in ihren Medien oder verkaufen sie weiter an Nachrichtenhäuser, die selber nicht mehr in der finanziellen Lage sind, eigenständig zu recherchieren oder Nachrichten zu produzieren.

Gut verkaufbare Nachrichten haben aber weniger etwas mit einem realen Nachrichtenwert zu tun, als eher mit der Möglichkeit, damit möglichst die Verkaufszahl der Nachricht zu erhöhen, woraus leider viel zu oft “die bösen Medien schreiben uns runter” tituliert wird, anstatt das Problem vernünftig zu beschreiben.

An sich ist der Journalismus durch seine Institutionalisierung und Zentrierung auf wenige Nachrichtenagenturen zu einer Art Börse verkommen. Unzählig viele Vereine, Parteien, Unternehmen und Einzelpersonen versuchen ihre Nachrichten zu positionieren und an die Öffentlichkeit zu bringen. Sei dies durch Pressemitteilungen, direkten Kontakt zu Journalisten oder eben durch die Offenlegung von Zahlen, zur Selbstrecherche.

Anstatt aber die Fremdbeobachtung und Eigenrecherche in den Vordergrund zu stellen, ist durch den Einkauf und Weiterverkauf der Nachricht ein Wetten auf seine Monetarisierung einhergegangen. “Kauft” ein Verleger eine Nachricht und publiziert diese, wettet er darauf, dass diese sich gut verkaufen lässt. Entweder beim Endkunden, also dem Leser, oder eben bei Zweitverwertern, die die Nachricht ebenfalls abdrucken.

Zwei aktuelle Beispiele sind hier die zahlenden Mitglieder der Piraten oder die Debatte um die Eierstempel, mag es noch so lächerlich klingen. Haben sich einige Mitglieder der Piratenpartei vor zwei Jahren mit Eierstempeln auseinandergesetzt, wurde in der medialen Berichterstattung darüber gelacht:



In der aktuellen “Lebensmittelskandal”-Berichterstattung dominiert nun witzigerweise die Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (genauso wie bei ihrer damaligen Abmeldung bei Facebook), obwohl sie Teilschuld an der aktuellen Situation mangels vernünftiger Umsetzung einer geeigneten Lösung seit 2004 hat:



Dies hat aber nichts mit Boshaftigkeit der Medien™ zu tun um die Piratenpartei zu diskreditieren, sondern es passte jeweils in die tagesaktuelle Berichterstattung. Es geht eben im klassischen Journalismus nicht wie größtenteils in der Bevölkerung gedacht wird um die öffentliche Berichterstattung und die daraus resultierende bestmögliche Aufklärung, sondern leider hauptsächlich um den größtmöglichen Verkauf der Nachricht, da einfach das Geld und die Zeit für investigativen Journalismus, oder ganz einfach vernünftig recherchierten Journalismus, schlicht fehlt. Die Piraten sind halt die Nerds und nicht die mit den sinnvollen Lösungsansätzen, dass will doch niemand lesen.

Durch das Medium Internet ist hier aber eine Sollbruchstelle im Journalismus entstanden, die momentan ziemlich schnell versucht wird zu beheben, da im Internet ohne große Investition und ohne großen Zeitverlust, von jeder Person berichtet werden kann.

Diese “Fehlerbehebung” wird ziemlich leicht, ohne es vom Großteil der selbsternannten Berichterstattern im Internet zu bemerken, durch eine ziemlich leichte Handhabung nun immer besser geschlossen:

Der Mechanismus des Verkaufes der größtmöglichen Nachricht funktioniert auch im Internet. Ein Artikel der SKANDAL oder EILMELDUNG titelt oder durch eine klare polarisierende Haltung dazu anregt, diese weiterzuleiten, verkauft sich auch im Netz besser und schneller, da so Besucher angelockt werden und man damit ein Automatismus durch die entstehenden Folgen vollzogen wird.

“Die böse Öffentlichkeit, die uns alle kaputt macht, sind wir übrigens selbst.”

Anhand der Piratenpartei ist dies beispielhaft zu erklären:

Die Piratenpartei hat es geschafft durch eine hohe Nutzung und Bemessung der Möglichkeiten des Mediums Internet ihre Nachrichten selbstständig in einer gewissen Größenordnung zu publizieren und ihr Öffentlichkeit zu verschaffen.

Sie wurde somit zu einem gesellschaftlichen Akteur, der auch nicht mehr im klassischen Journalismus ignoriert werden konnte, da es aus eigener Hand geschafft wurde die Kriterien Aktualität, Faktizität und Relevanz zu erreichen.

Nun ist es aber so, dass diese Art der Kommunikation im Internet natürlich auch von anderen Akteuren genutzt werden kann, wir aber der Nachricht wenn dort “Spiegel” oder “BILD” vor dem .de steht, noch immer einen viel höheren Wert beimessen, als der eigenverantwortlichen Nachrichtenquelle die dann halt “kattascha“, “netzpolitik” oder “piratenpartei” vor dem .de heißen kann.

Titelt der Spiegel online über angebliche Probleme in der Piratenpartei, sind es vor allem Piraten die als Multiplikatoren diesem Artikel weitere Öffentlichkeit schenken, weil sie denken, dass diese Nachricht viel gelesen wird, anstatt sie einfach zu ignorieren und nicht weiterzuleiten.

Denn es ist kein gut recherchierter, sehr kritischer oder besonders “wertvoller” Artikel nur weil er unter dem Namen eines althergebrachten Verlagshauses steht, wenn er mangels Zeit und Geld aber aus Angst vor der Schnelligkeit der anderen Akteure im Journalismus dahingeschrieben wird und einfach die Wertigkeit im monetären Sinn der anderen Artikel übertrumpfen muss. Es geht dort nicht um den Wert der Nachricht als aufklärerischer Bestandteil zur Meinungsbildung, sondern er muss bunter, schriller und lauter sein, damit er die anderen übertönt und sich möglichst gut verkauft.

Durch die Weiterleitung eines solchen schlicht und schnell heruntergeschriebenen Artikels verfallen wir in eine ganz einfache “self-fulfilling prophecy“, da der Artikel durch unsere eigene Öffentlichkeit erst zu einer Nachricht wird. Wir fangen an uns mit dem Artikel auseinanderzusetzen und Probleme entstehen zu lassen, wo keine wären, hätten wir ihn ignoriert. Die daraus resultierende Selbstbeschäftigung führt dazu, dass wir uns weniger darauf konzentrieren, eigene Nachrichten zu produzieren und somit der Eindruck ensteht, wir würden uns nur mit uns selbst beschäftigen.

Erst ab dann entsteht aus einem Artikel der beispielsweise bei Spiegel online stand auch die Relevanz, darüber im Print zu berichten, denn er ist ja wahr geworden. Daher ist es auch der falsche Umkehrschluss wenn Christopher Lauer sein Fazit zu Twitter in der FAZ mit dem richtigen Ansatz zieht und schreibt:

Ist es zu viel verlangt, dass sich alle, egal, in welcher Kommunikationsform, vorher folgende drei Fragen stellen: Muss es gesagt werden? Muss es jetzt gesagt werden? Muss es jetzt von mir gesagt werden? Und: Welcher Mehrwert entsteht denn durch diese permanente Nabelschau auf Twitter konkret und für wen?

dann aber Twitter für sich als “gestorben” ansieht und lieber auf die alten Medien und seine bisherigen Mechanismen setzt. So begibt er sich lediglich in den sooft zitierten medialen Fahrstuhl mit dem man leicht “nach oben” fahren kann, aber auch genauso schnell “nach unten“, wozu ansatzweise Stefan Niggemeier etwas geschrieben hat.

Ich kann Christophers Haltung halbwegs nachvollziehen, dass je mehr Öffentlichkeit man erfährt, man automatisch polarisiert und resultierend schnell Frustation erfolgen kann, da man schlicht mit Nonsens bombadiert wird. Eine Möglichkeit ist nun sich von der eigenverantwortlichen Berichterstattung abzukapseln, oder man muss beginnen seine digitale Filterblase zu pflegen, was einen schnell überfordern kann. Ich erinnere mich an unter Piraten gehörte Sätze wie “der Lauer ist ja voll abgehoben, der reagiert ja gar nicht mehr auf Mentions die man ihm schreibt.” wo die Personen das Problem aber ebenfalls nicht begriffen haben. Was bei Otto-Normal-Nutzer in der herkömmlichen Timeline sich ansammelt, landet halt bei @schmidtlepp wohl an Spitzentagen alleine unter seinen Mentions.

Nur trotzdem sind wir diejenigen, die das Internet und seine Nachrichtenquellen wie zum Beispiel Twitter zu dem machen, wie wir es nutzen wollen und sei es durch Pferd. Wir sind diejenigen, die durch das gemeinsame Auftreten im Internet Nachrichten in den traditionellen Medien platzieren können, wie man beispielsweise erst kürzlich mit #aufschrei sehen konnte, da viele Personen gemeinsam eine Nachricht gepusht haben.

Man wird dies nicht erreichen, nur weil man selber 30 Millionen Follower hat, die wiederum zig Personen lesen und so die eine Nachricht im Grundrauschen untergeht, sondern durch das nicht umsonst so genannte Social Networking. Eine Nachricht die es Wert ist verbreitet zu werden, sollte auch verbreitet werden und nicht ignoriert.

Einige Blogs wie beispielsweise netzpolitik.org haben deswegen ihre gesellschaftliche Relevanz erhalten, weil sie nicht nur durchgängig lesenswerten Inhalt produzieren, sondern sich untereinander referenziert haben und so mehr Leser auf die Nachricht lenkten. Da ist es nicht entscheidend ob das eigene Blog normalerweise nur 100 Leser hat oder die eigenen Tweets von nur 50 Followern gelesen werden, sondern der daraus wirkende Mechanismus.

Denn gerade der Schneeballeffekt, dass weitere Personen die Nachricht in binnen Sekunden retweeten, auf Facebook ihrem Freundeskreis mitteilen und sich darauf in ihrem eigenen Blogbeitrag referenzieren können ist der Vor- und Nachteil im Internet zugleich.

Genau so wie es ein guter Tweet wie der oben erwähnte von @zweifeln trotz nur 17 Retweets und eigenen 896 Followern in alle Regionalzeitungen mit HAZ-Mantel schaffen kann und so zigtausende Menschen erreicht, kann sich auch ein schlechter Hoax oder eine Falschmeldung verbreiten, nur wir sind halt ein wichtiger Bestandteil des Übertragungsweges geworden (In diesem Fall war es wohl auch der Retweet von Christopher Lauer).

Der persönliche Eindruck den man gewinnt, dass dieses Medium einen mit Informationen überfordert liegt einfach daran, dass wir uns an die Informationsflut gewöhnen sollten, die wir täglich bewältigen aber auch selber produzieren.

Wir sollten nur lernen unser Kommunikationsverhalten im Internet effektiv zu nutzen. Wenn wir lernen mit echter Kritik (siehe hier) umzugehen und diese von schlechter Recherche und nur den Wunsch nach der Aufmerksamkeit zur Monetarisierung und den Erhalt des bisherigen Journalismus zu filtern, stirbt allein wegen unserer Ignoranz die Effekthascherei aus und darüber sind sicher auch die aktuell agierenden Journalisten dankbar, wenn sie wieder mit mehr Geld versehen werden, um Qualität produzieren zu können.

Wir sollten als Piraten anstatt aufzugeben und uns dem bisherigen System anzupassen, weitermachen womit wir begonnen haben, lernen unsere neuen Möglichkeiten sinnvoll zu nutzen und gegen Abwehrhaltungen wie das Leistungsschutzrecht aktiv vorgehen durch unsere eigene Informationshoheit als Multiplikator einer Nachricht.

Oder frei nach Carl Sandburgs Zitat:

„Stell dir vor da steht Blödsinn und niemand klickt hin.“



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