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Donnerstag, 8. Januar 2009


Meldungen zu Tibet:

China Observer, 08.01.09:

Tibetischen Flüchtlingen droht die Ausweisung

Etwa 30% der 20.000 tibetischen Flüchtlinge, die in Siedlungen in und um Pokhara, Nepal, leben, wurden nie mit einem Flüchtlingsausweis ausgestattet.

Das Asien-Zentrum für Menschenrechte (ACHR) in New Delhi drängte den zu Besuch in Indien weilenden nepalesischen Premierminister Pushpa Kamal Dahal, alias Prachanda, die Rechte der tibetischen Flüchtlinge in Nepal zu schützen und auf keinen Fall irgendeinen von ihnen nach China zurückzuschicken.

Etwa 30% der 20.000 tibetischen Flüchtlinge, die in Siedlungen in und um Pokhara, Nepal, leben, wurden nie mit einem Flüchtlingsausweis ausgestattet.

Der Standard (A), 29.12.08:

"China ist eine Fälschung"

Sein rotes Stirnband will er erst abnehmen, wenn Tibet unabhängig ist: Tenzin Tsundue, führender Kopf der neuen Exilgeneration, zieht im DER STANDARD-Interview Bilanz

Standard: Peking hat den Aufstand der Tibeter vor den Olympischen Sommerspielen niedergeschlagen. Gleichzeitig kann China Treffen westlicher Staatschefs mit dem Dalai Lama weiter nicht verhindern, wie jüngst die Begegnung mit Nicolas Sarkozy zeigte. Sehen Sie mit Bitterkeit oder mit einer gewissen Hoffnung auf dieses Jahr zurück?

Tsundue: Die Proteste in Tibet haben dem Kampf unseres Volks sehr geholfen. Tibet-Beobachter haben zu glauben begonnen, den Leuten gehe es gut unter der chinesischen Besatzung, sie hätten sich damit abgefunden, eben weil es lange Zeit keine Proteste gab.

Der Aufstand der Tibeter am 10. März war ein internationales Ereignis. Eine lange aufgestaute Wut hat sich Bahn gebrochen. Wenn wir nicht protestieren, werden wir sterben, dachten sich die Tibeter. 250 Menschen starben, etwa 5000 wurden verhaftet.

Standard: Weder die Exiltibeter noch die internationale Gemeinschaft haben die Niederschlagung des Aufstands verhindern können.

Tsundue: Die chinesische Regierung macht, was sie will. Die westlichen Regierungen reden über Frieden und Menschenrechte, aber in Wirklichkeit tun sie nichts. Ihre Geschäftsinteressen in China haben Vorrang. Welche Regierung legt sich mit China an wegen Tibet, Ostturkestan (Provinz Xianjing mit der Volksgruppe der Uighuren, Anm.) oder der Unterstützung für das Regime in Myanmar?

Standard: Die EU hat protestiert, ebenso die USA.

Tsundue: Das sind Lippenbekenntnisse. Sie könnten viel mehr tun.

Standard: Was schlagen Sie vor?

Tsundue: Die internationale Gemeinschaft könnte eine Untersuchungskommission nach Tibet schicken, die herausfinden soll, was dort wirklich geschehen ist. Westliche Länder mit ihren Wirtschaftsinteressen in China sollten mehr Verantwortung für ihr Geld verlangen. Ihr Geld ist es, das die chinesische Regierung stärkt und deren koloniale Besetzung in Tibet.

Ich meine, am Ende schadet dieses Geld für die korrupten Kommunisten auch den einfachen Chinesen. Als ich 1997 Gefangener in Lhasa war, hatte ich einen Nachbarn in der Zelle, einen Chinesen, der jeden Tag arbeiten musste. Er kam jeden Abend völlig erschöpft und gebrochen zurück. Er hat mir erzählt, was er tun muss: den Dreck aus den Toiletten der Hotels und Gästehäuser der Touristen schaufeln und in den Gemüsegärten verteilen.

Standard: Was hilft es also, wenn Nicolas Sarkozy den Dalai Lama trifft wie im Dezember in Danzig?

Tsundue: Es hilft. Es liegt natürlich an Frankreich, für seine moralische Integrität einzutreten. Sarkozy hat das getan, indem er sich seine Entscheidung nicht von Peking diktieren ließ.

Standard: Aber die Geschäfte laufen weiter.

Tsundue: Die Geschäfte laufen weiter. Aber ein solches Treffen mit seiner Heiligkeit ermuntert andere Staaten in Europa, dem zu folgen.

Standard: Wie würden Sie sich selbst beschreiben? Als einen Schriftsteller mit politischem Programm oder mehr als politischen Aktivisten?

Tsundue: Ich nehme George Orwell zum Vorbild. Er sagte, es ist nicht genug, Gedichte zu schreiben und sie in einem Buch zu lassen. Du musst auf die Straße hinausgehen und sie an die Wand schlagen. Die Ungerechtigkeit bekämpfen. Ich glaube, ich tue das als Dichter. Wir kämpfen heute für die Wahrheit: dass Tibet ein unabhängiges Land war. Und genau das fordern wir wieder.

Standard: Wie wollen Sie die Volksrepublik China loswerden?

Tsundue: Die Volksrepublik China ist eine Fälschung, die Mao Tse-tung 1949 geschaffen hat, ein verrückter chinesischer Nationalismus, der einfach durch Anwendung militärischer Gewalt entstand. In einem sehr viel freieren Staat werden die Chinesen das verstehen. Veränderungen finden jetzt schon statt.

Standard: Ihre Ideen entsprechen nicht ganz dem, was die tibetische Exilregierung als Linie vorgibt.

Tsundue: Die Exilregierung strebt nach Autonomie für Tibet innerhalb Chinas. Aber das ist nur eine politische Linie, und Politik ändert sich. Wir haben eine demokratisch gewählte Regierung. Wenn eine Mehrheit der Exiltibeter für die Unabhängigkeit ist, gibt es einen Wechsel, und den sehe ich jetzt.

Markus Bernath

Zur Person: Tenzin Tsundue ist Dichter, Aktivist und einer der führenden Köpfe der neuen Generation der Exiltibeter. Der 1975 in Indien geborene Sohn einer tibetischen Flüchtlingsfamilie war mehrfach in Haft, darunter auch 1997 in Lhasa nach einer illegalen Einreise nach Tibet. Tsundue war in Wien anlässlich des Filmfestivals "thishumanworld". Er spielt die Hauptrolle in dem Dokumentarfilm "Road to Tibet" des italienischen Journalisten Manfredi Manera.


Deutsche Welle, 24.11.08:

Kommentar: Tibet braucht echte Autonomie

Entgegen anders lautenden Gerüchten bleibt der Dalai Lama den Tibetern als Gallionsfigur ihres Kampfes um Autonomie erhalten. Eine Chance für China, meint Matthias von Hein in seinem Kommentar.

Vor über 20 Jahren sagte Deng Xiaoping, der Architekt der chinesischen Reform- und Öffnungspolitik einen Satz, der heute noch in den Köpfen der Tibeter widerhallt: "In der Tibet-Frage kann man über alles reden, außer über die Unabhängigkeit". Aber schon Deng hat seinen Worten keine Taten folgen lassen. Und auch die heutige Führung setzt im Umgang mit den Tibetern auf Unterdrückung, nicht auf echten Dialog.

Weil das so ist, weil auch die Proteste der Tibeter im März brutal niedergeschlagen wurden, weil insgesamt acht Gesprächsrunden zwischen den Gesandten des Dalai Lamas und der chinesischen Regierung keinen Millimeter Fortschritt gebracht haben und im Sande verliefen, deshalb macht sich Unzufriedenheit unter den Exiltibetern breit. Gerade die jüngeren Tibeter sprechen sich immer häufiger für eine Abkehr vom "Mittleren Weg" des Dalai Lamas aus. Dieser Weg lehnt Gewalt ab und zielt lediglich auf echte Autonomie innerhalb des chinesischen Staatsverbandes; staatliche Unabhängigkeit wird nicht angestrebt.

Friedfertigkeit nimmt ab

Die Frustration im Umgang mit dem übermächtig erscheinenden China aber wurde so groß, dass immer mehr Tibeter bereit scheinen, gewaltsam für ein unabhängiges Tibet zu kämpfen. In dieser Situation hat der Dalai Lama das einzig Richtige getan: Er hat eine Sonderkonferenz der Tibeter einberufen, damit die Betroffenen selbst über den künftigen Weg beraten. Am Ende von einer Woche Beratung der 600 Delegierten steht nun ein klares Votum für den gewaltfreien, mittleren Weg des Dalai Lamas.

Peking sollte froh sein, dass der Dalai Lama die Exiltibeter noch einmal hinter sich vereinen konnte. Und Peking sollte die Zeit nutzen. Denn der Dalai Lama ist bereits 73 Jahre alt. Statt ihn als Separatisten und Verräter zu beschimpfen, sollte ein kritisches Nachdenken über die chinesische Minderheitenpolitik einsetzen.

Peking darf sich nicht wundern

Es sollte Peking zu denken geben, dass die Stimmung in Tibet trotz der gewaltigen Investitionen so stark gegen die Zentralregierung gerichtet ist. Der Pekinger Buchautor Wang Lixiong, verheiratet mit einer Tibeterin, bringt es auf den Punkt: Gerade die Politik der Zentralregierung treibt die Tibeter in die Arme von Unabhängigkeitsbefürwortern. Wer Mönche in so genannten "patriotischen Schulungen" dazu zwingt, mit dem Dalai Lama ihr religiöses Oberhaupt zu verleumden, der darf sich nicht wundern, diese Mönche bei nächster Gelegenheit auf der Straße zu sehen.

Nicht nur Tibet braucht echte Autonomie, auch die Rechte der anderen 55 nationalen Minderheiten müssen gestärkt werden, darunter die der Uighuren und Mongolen. Und diese Rechte müssen einklagbar werden - vor unabhängigen Gerichten. Damit könnte viel Druck aus dem brodelnden Nationalitätenkessel genommen werden. Die Konferenz von Dharamsala hat Konfrontation eine Absage erteilt; die Tibeter setzen weiter auf Dialog. Peking sollte im eigenen Interesse dafür sorgen, dass es ein echter Dialog wird.

Matthias von Hein
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